Bewege dich wie ein König!

03.01.2013

Berlin, Germany

F.: Warum haben Engel Flügel, und welches Symbol verbirgt sich dahinter? Kannst du bitte darüber sprechen, warum es in der christlichen Tradition Engel gibt?

Sri Sri Ravi Shankar:
Der Mensch war immer fasziniert vom Fliegen. Er wollte den Raum beherrschen. Er war fähig, auf der Erde zu gehen, im Ozean zu tauchen und im Wasser zu schwimmen. Fliegen konnte er jedoch nicht. Also gab er den Engeln – die eine Stufe höher als er selbst eingestuft wurden – Flügel.

Er dachte, Engel hätten Flügel, weil sie mächtiger wären als der Mensch, fliegen und überall hingehen könnten, wo sie wollten.

Aber verglichen mit den heutigen Flugzeugen werden Engel viel langsamer sein. Wir können Ziele viel schneller erreichen als sie. Wir werden sie irgendwo hinter uns lassen. Niemand, der Flügel hat – und sei er noch so kraftvoll – , kann schneller fliegen als ein Flugzeug oder ein Helikopter.

Es ist also nur ein Konzept, dass Engel mächtiger sind als wir, denn nur dann sind sie in der Lage, uns zu helfen.

Engel sind diejenigen, die uns helfen können, die mächtiger und besser ausgerüstet sind als wir.

Stelle dir also nicht vor, ein Engel mit Flügeln werde kommen, dich mitnehmen und dir Blumen geben.

Oft sieht man auch Engel, die als Kinder dargestellt sind.

Weißt du, warum sie in der christlichen Tradition als Kinder dargestellt werden?

Um dadurch ihre Unschuld zu bezeugen.

Je höher du aufsteigst, desto reiner und unschuldiger musst du innerlich sein, nicht durchtrieben und schlau.

Wer muss durchtrieben und schlau sein? Jemand, der nicht die Fähigkeit hat, sich wie ein König zu bewegen.

Jemand, der weniger Kraft hat, muss manipulieren und durchtrieben sein.

Warum sollte jemand, der sehr viel Kraft hat, Durchtriebenheit an den Tag legen?

Wenn du die Fähigkeiten und die Kraft hast, mit Dingen auf geradlinige Weise umzugehen, wirst du nichts verstohlen tun. Du wirst es nicht nötig haben.

Verschlagene Menschen haben kein Selbstwertgefühl. Sie glauben nicht daran, Dinge durchsetzen zu können. Sie sind der Meinung, ihr Ziel könne nur durch Manipulation erreicht werden.

Deshalb werden Engel also als Kinder mit Flügeln dargestellt, um dadurch ihre Unschuld zu dokumentieren. Ihr Körper ist prall, wie bei einem zwei- oder dreijährigen Baby.

Bei Michelangelos Gemälden werden die meisten Engel als Babys dargestellt.

Das symbolisiert Unschuld und Reinheit, sowie außerordentliche Fähigkeiten, die normale Menschen nicht haben.

Ich sage dir, in deinem Inneren befindet sich ein Engel.

Im Christentum wird gesagt, jedermann habe einen Schutzengel.

Es ist nicht so, dass er nur auf dich aufpasst, du bist ein Teil dieses Schutzengels. Du selbst bist es!

Es muss dir einfach bewusst werden, dass du ein Engel bist.

Du hast die Macht, das zu tun, was du tun möchtest. Sei dir dessen bewusst und entspanne dich.

F.: Wie kann ich ein Gleichgewicht finden zwischen dem Streben nach Verbesserung und der Zufriedenheit darüber, was ich bin und was ich tue?

Sri Sri Ravi Shankar:
Kannst du Fahrrad fahren? Auf die gleiche Weise kannst du das Gleichgewicht finden!

Wenn du das Gleichgewicht halten willst, wirst du es mit Sicherheit schaffen.

Der Gedanke, dein Leben in ein Gleichgewicht bringen zu wollen, reicht schon aus. Du bewegst dich bereits in die richtige Richtung.

Wenn die Frage auftaucht, wie du das tun sollst, musst du wissen, dass du es kannst.

Frage dich selbst, und dein Bewusstsein wird dir antworten.

Wenn dein Bewusstsein dir sagt: „Ich bin nicht im Gleichgewicht, es fehlt mir an etwas Bestimmtem”, dann solltest du darauf hören.

Wenn du zu viel arbeitest, wird dein Bewusstsein dich kneifen: „Du vergisst gerade deine Familie, deine Frau, deine Kinder, deinen Ehemann!”

Und das kann zur Folge haben, dass du dich um sie kümmerst.

Wenn du handkehrum zu sehr mit Familienangelegenheiten beschäftigt bist und dadurch alles andere vergisst, wird dich dein Bewusstsein ebenfalls darauf hinweisen. Und du wirst dich wieder mehr um deine Arbeit kümmern und darum, nützlich für die Welt zu sein.

Der Gedanke, ein Gleichgewicht im Leben zu finden, ist schon ausreichend. Er entspricht der Sicherung bei der Elektrizität, die das System bei Überlastung schützt.

Ein wenig Schuldbewusstsein ist also notwendig, um als Sicherung dienen zu können, aber es sollte nicht allzu viel davon vorhanden sein.

Es sollte dem Salz in der Suppe entsprechen. Ist zu viel davon vorhanden, dann kann man sie nicht mehr essen.

Es ist also gut, ein Gleichgewicht anzustreben.

F.: Ich bin sensibel und leicht verletzbar. Was ist gut daran, sensibel zu sein?

Sri Sri Ravi Shankar:
Das Leben ist eine Kombination von Empfindsamkeit und Vernunft. Die Vernunft hat mit dem Kopf zu tun, die Empfindsamkeit mit dem Herzen.

Gewöhnlich vergessen Menschen, die sehr sensibel sind, die Vernunft. Ihre Vernunft nimmt ab.

Und Menschen, die sehr viel Vernunft haben, die immer über Logik und Vernunft nachdenken, scheint es an Sensibilität zu mangeln.

Im Leben sollte ein wunderbares Gleichgewicht beider Dinge bestehen.

Sensibilität ist oft mit emotionaler Instabilität gleichzusetzen. Sie sollte nicht dazu führen. Deine Sensibilität sollte nicht bewirken, dass du emotional instabil wirst.

Wenn du sowohl stark als auch sensibel bist, dann hast du es im Leben geschafft. Verstehst du?

Du musst beides sein, sowohl vernünftig als auch sensibel.

F.: Du führst uns wie ein GPS zu unserem Ziel und zu unserem Schicksal, aber was ist unser Ziel und unser Schicksal?

Sri Sri Ravi Shankar:
Du solltest eine Liste der Sachen erstellen, die nicht dein Ziel sind.

Ich möchte, dass du selbst herausfindest, was dein Ziel ist, was du tun möchtest.

Etwas solltest du wissen: Du hast sehr viel Glück. Du befindest dich in einer Zeit, in der du die Welt führst, und die in die Geschichte als eine Zeit des Übergangs von einer ichbezogenen, verhärteten Gesellschaft zu einer wunderbaren Welt eingehen wird.

F.: Vorausgesetzt wir sind alte Seelen, die sich schon während einer Ewigkeit hier aufgehalten haben, sind da neue Erfahrungen überhaupt noch wirklich möglich?

Sri Sri Ravi Shankar:
Ja, das Leben ist als und doch neu.

Die Erde ist neunzehn Milliarden Jahre alt. Die Sonne dürfte noch älter sein, sie muss Hunderte von Milliarden Jahre alt sein.

Aber auch heute sind ihre Strahlen frisch und neu, nicht wahr?

Das Leben ist also eine Kombination von antik und modern, von alt und neu.

Es ist der gleiche Fluss, der während Millionen von Jahren fließt, und dennoch ist das Wasser neu und frisch, nicht wahr?

F.: Manche Leute behaupten, ohne Nahrung zu leben, und es gibt einen Film darüber. Ist das wahr, und was denkst du darüber?

Sri Sri Ravi Shankar:
Ich kenne einen Herrn, der das Sonnenlicht betrachtet, um sich zu ernähren. Er hat es gemeistert, nicht zu essen, aber manchmal trinkt er eine Tasse Tee mit einer Menge Zucker darin.

Schau, das hat damit zu tun, wie du deinen Körper trainierst. Es ist genauso, wie wenn jemand in Russland Ballett trainiert. Er biegt die ganze Wirbelsäule und den ganzen Körper, als wären diese aus Gummi. Man benötigt eine lange Zeit, um sich russisches Ballett anzutrainieren.

Wenn du deinen Körper dazu trainieren willst, ohne Nahrung auszukommen, kannst du es tun. Du musst dich jedoch von jemandem anleiten lassen, der es getan hat, nicht einfach nur Bücher darüber lesen. Das solltest du nicht tun. Jemand, der ein Experte darin ist, kann dich trainieren, und es muss schrittweise geschehen.

Aber warum solltest du das tun, was macht es für einen Sinn? Iss weniger, es ist besser, nicht zu viel zu essen.

Es gibt Menschen, die ihre Energie nur durch das Betrachten der Sonne beziehen.

Du kannst es am Morgen tun, denn alles ist Energie. Unsere Augen sind lichtempfindlich und haben dieselben Eigenschaften wie Solarzellen. Sie können Energie aufnehmen und sie dem Körper zuführen. Aber das muss richtig trainiert werden.

Wäre das von der Natur so vorgesehen gewesen, so hätte sie dir keinen Mund gegeben.

Der Mund, all die Verdauungsenzyme, die Leber und der ganze Verdauungstrakt müssen funktionieren. Erlaube deinem Verdauungssystem, seine Funktion zu erfüllen.

Verzichte auf Extreme.

F.: Was ist Verlegenheit?

Sri Sri Ravi Shankar:
Muss ich dir wirklich sagen, was Verlegenheit ist?

Wenn du die Verlegenheit annehmen kannst, dann kann dich nichts erschüttern.

Verlegenheit ist etwas, wovor die Menschen weglaufen.

Verlegenheit ist eine milde Form von Kritik. Eine milde Art, sich unwohl zu fühlen.

Wir müssen manchmal unsere Komfortzone verlassen und ein wenig Unbehaglichkeit empfinden.

Dann tauchen bestimmte Fähigkeiten in uns auf.

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