Ich bin der Weg

08.08.2013

Bangalore, India

Gurudev, in der Bibel sagt Christus: Ich bin der Weg. Sowohl der Koran als auch die Bhagavad Gita nehmen das ebenfalls für sich in Anspruch. Ist das der Grund für die religiösen Konflikte? Wie können wir das ändern?

Sri Sri:
Dieses Wissen wurde den Menschen zur damaligen Zeit vermittelt, um ihnen zu helfen, ihren Geist auf den gegenwärtigen Augenblick zu fokussieren. Wenn du mir gerade zuhörst, werde auch ich dir sagen: „Das ist die Wahrheit, sei einfach hier, jetzt!“ Der Geist hat die Tendenz, die Vergangenheit zu verherrlichen, oder auf die Zukunft zu warten und die Gegenwart – das Jetzt – außer Acht zu lassen.

Krishna sagte: Mam ekam sharanam vraja, was bedeutet: „Komm nur zu mir!“

Er sagte das zu seinem Lieblingsschüler Arjuna, damit sein Geist vollkommen da war, und er die Gegenwart wertschätzen konnte.

Wann immer das geäußert wurde, geschah es vom höheren Bewusstsein aus und nicht, um die Menschen zu Fanatikern werden zu lassen. Es wurde ausgesprochen, um die Menschen dazu zu bringen, die Wahrheit zu erkennen. Da es nur eine Wahrheit gibt, wurde von dem Weg gesprochen, um das zu betonen. Sonst schaltet der Geist die Gegenwart aus.

Bei Jesus war es auch so. Die Menschen jener Zeit dachten nur an jemanden in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Deshalb sagte er: „Gerade jetzt, gerade hier. Ich bin der Weg.” Er sagte das aus dem Ich bin Bewusstsein heraus.

Die Bibel wurde außerdem siebzig Jahre nach Jesus´ Tod geschrieben. Man kann sich leicht vorstellen, dass Worte verschieden interpretiert werden können. Es stellt sich auch die Frage, wie die Worte zur damaligen Zeit übersetzt worden sind.

Jesus Worte: Ich bin der Sohn Gottes wurden von der Kirche als Jesus ist der einzige Sohn Gottes interpretiert.

Jesus sagte jedoch: Ich bin der Sohn des einzigen Vaters.

Es gibt nur einen Vater für alle Menschen. Deshalb sagte er: Ich bin der Sohn des einzigen Vaters. Er hätte sonst nicht gesagt: Lasst uns zu unserem Vater im Himmel beten.

Er spricht von unserem Vater, was bedeutet, dass es sich um jedermanns Vater handelt. Wie kann er da der einzige Sohn Gottes sein? Und was ist mit allen anderen? Was ist mit anderen Menschen, die vor ihm geboren worden sind? Sind sie nicht Kinder Gottes?

Wir könnten dann nicht beten: Unser Vater im Himmel, sondern nur: Hilf mir, Vater von Jesus! Du bist nicht mein Vater!

Das ist das Resultat einer falschen Interpretation.

Seine Worte Der Sohn des einzigen Vaters wurden zu Der einzige Sohn des Vaters verdreht.

Schon nur ein einziges Wort zu verändern, kann einen großen Unterschied bewirken. Deshalb sollte man beim Interpretieren der Schriften immer berücksichtigen, wann, wo, wie, zu wem und zu welchem Zweck etwas gesagt wurde.

Wissen steht immer in einem Zusammenhang, auch wenn Wahrheit zeitlos und universell ist.

Jesus sagte einmal: Ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter. Ich bin gekommen, um Feuer zu legen, nicht um Frieden zu bringen.

Es wäre falsch, diese Worte aus dem Kontext zu reißen. Du musst herausfinden, wo er das gesagt hat, was er genau gesagt hat und wie er es gesagt hat.

Jesus kam, um eine Revolution zu bewirken, genau wie Krishna. Ihr Ziel war, die geistige Haltung der Menschen zu verändern.

Auch Mohammad Paigambar wollte dasselbe. Die Menschen hatten sich so in ihren Ritualen verloren, dass sie niemals nach innen gingen und still beteten. Er sagte ihnen deshalb: „Kommt, es reicht mit diesen Dingen! Ihr geht die ganze Zeit nur von einer Statue zur anderen. Nie schließt ihr die Augen und geht nach innen, um zu meditieren. Schließt eure Augen und meditiert!“

Die Rituale waren zu einer Pflicht geworden. Die Leute beteten die Statuen aus Angst an.

Nirgun nirakar parabrahma: Bete zur formlosen, unsichtbaren Göttlichkeit.

Das ist die Essenz des Vedanta: Gehe von der Form zum Formlosen. Und wie kannst du das tun? Durch Meditation.

Es gibt drei Wege:

1. Anva upaya, durch Gebet und Verehrung.

2. Shakta Upaya, durch Meditation.

3. Shambava Upaya, durch Gewahrsein oder müheloses Erinnern an Gott.

Auch wenn Mohammad sagte, es sei keine Form notwendig, wusste er doch, dass die Menschen auf irgendein Symbol angewiesen waren. Das wurde durch den Kaaba Stein gewährleistet. Der Kaaba Stein war wie ein Lingam, man konnte um ihn herumgehen und beten. Symbole sind wichtig, um den Geist zu fokussieren.

In vedischen Zeiten gab es keine Götterstatuen. Es gab Opferfeuer begleitet von Mantren. Nicht jedermann konnte diese Philosophie jedoch verstehen. Zu einer Form oder einer Götterstatue kann hingegen jeder Mensch einen Bezug herstellen.

Die Menschen hängen Girlanden um die Statuen bedeutender Menschen, zum Beispiel bei Gandhi. Ohne ein Bild ist es in der heutigen Zeit unmöglich, jemandem seine Anerkennung auszudrücken. Das Bild ist notwendig. Deshalb sind Symbole in allen Religionen so wichtig geworden. Das lässt sich nicht vermeiden. Unsere Rishis waren sich dessen bewusst und ließen Götterstatuen, Symbole und Formen zu Beginn zu. Nach einer kurzen Zeit wurden die Götterstatuen dann ins Wasser getaucht.

Traditionell wird während zehn Tagen die Ganapati Pooja durchgeführt, dann wird die Statue ins Wasser versenkt.

Aus dem gleichen Grund werden auch überall Tempel gebaut. Es ist nicht notwendig, täglich zum Tempel zu gehen. Nur wenn du eines Symbols bedarfst, kannst du hingehen, dich dort hinsetzen und beten.

Tempel werden mit Mantra Shakti gebaut, nicht nur mit Götterstatuen. Lebensenergie wird am Ort oder im Tempel hervorgerufen. So werden die Tempel zu Gebäuden der Kraft.

Menschen früherer Zeiten waren sehr intelligent. Sie verstanden die menschliche Natur und das menschliche Bewusstsein.

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