Was ist Selbstverwirklichung?

Morgennebel hebt sich über einem stillen Tal und gibt sanfte Hügel frei.
Kurzantwort: Selbstverwirklichung bedeutet für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar, im eigenen Leben endlich anzukommen – wie ein Auto, das zu Hause ist, dessen Motor aber weiterläuft. Es geht darum zu erkennen, dass du selbst die Quelle von Liebe und guten Eigenschaften bist, statt sie draußen zu suchen oder erst mühsam aufbauen zu müssen.

Was Gurudev dazu sagt

Kennst du das: Du hast ein Ziel erreicht – eine Ausbildung, eine Beziehung, ein ruhigeres Leben – und trotzdem läuft in dir innerlich alles auf Hochtouren weiter, als wäre nichts geschehen. Gurudev nutzt genau dafür ein sehr anschauliches Bild.

Du bist zu Hause angekommen — steig jetzt aus deinem Auto aus. Du hast lange, lange, lange gefahren. Jetzt ist das Auto zu Hause angekommen. Aber du sitzt immer noch im Auto — mit laufendem Motor. Wie lange willst du noch im Auto sitzen? Solange du im Auto bist, bist du nicht zu Hause.

Englisches Original

You have come home — now get out of your car. You have been driving long, long, long. Now the car has reached home. But you’re still sitting in the car — with the engine running. How long are you going to sit in your car? As long as you are in the car, you will not be in the home.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Without You, Where Will I Be?', 00:18:11"

Ein zweiter Punkt kommt dazu: Solange du erwartest, dass Liebe von außen zu dir kommen muss, bleibst du abhängig von anderen. Gurudev dreht diese Erwartung um.

Wenn du erkennst, dass du die Quelle der Liebe bist, braucht dir niemand sie zu geben. Und du bist hier wie eine Blume. Eine Blume im Garten erwartet nichts von der Schöpfung. Sie ist einfach da, um ihren Duft zu verbreiten.

Englisches Original

When you realize you are the source of love, nobody needs to give you. And you are here like a flower. A flower in the garden is not expecting anything from the creation. It is there just to spread the fragrance.

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚Love Knows No Boundaries', 00:29:29"

Dasselbe gilt für Eigenschaften wie Mitgefühl, meint Gurudev: Das eigentliche Problem ist nicht, dass sie fehlen, sondern dass wir glauben, sie erst mühsam aufbauen zu müssen.

Unser größtes Problem ist: Wir glauben, wir hätten sie nicht. und versuchen, sie von Grund auf zu kultivieren. Du musst nur wissen: Du bist ein Ozean der Mitgefühls.

Englisches Original

Our biggest problem is when we think we don’t have them and try to cultivate them from scratch. You simply have to know: you are an ocean of compassion.

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚Dwell in the Divine', 00:15:19"

Selbstverwirklichung ist für Gurudev also weniger ein fernes Ziel als ein Aussteigen aus dem laufenden Motor: erkennen, dass du eigentlich schon angekommen bist, dass Liebe schon in dir ist und gute Eigenschaften nicht erst erschaffen, sondern nur noch entdeckt werden müssen.

Was du konkret tun kannst

  1. Steig aus dem laufenden Motor aus. Merkst du, dass du ein Ziel erreicht hast, aber innerlich weiter im „Autopilot" bleibst? Halt bewusst inne und frag dich: Bin ich schon angekommen, oder fahre ich innerlich noch weiter?
  2. Erwarte Liebe nicht nur von außen. Bevor du darauf wartest, dass jemand dir Liebe gibt, überleg, wo du selbst aus dir heraus Wärme geben kannst – wie eine Blume, die einfach da ist, um ihren Duft zu verbreiten.
  3. Frag dich bei einer „fehlenden" Eigenschaft, ob sie wirklich fehlt. Statt Mitgefühl oder Geduld mühsam aufzubauen, lass einmal die Möglichkeit zu, dass sie längst da ist – nur gerade verdeckt.
  4. Nimm dir kurze Momente der Innenschau. Ein paar ruhige Minuten am Tag, in denen du nichts tun oder erreichen musst, können helfen, das Gefühl von „schon angekommen sein" wiederzuerkennen.

Häufige Fragen

Was ist das Selbst im spirituellen Sinn? Gurudev besteht darauf, dass Frieden kein Zustand ist, den du erst erreichen musst, sondern deine angeborene Natur, die dir nicht genommen werden kann. Das eigentliche Ziel innerer Praxis ist für ihn deshalb nicht, „stressfrei zu werden", sondern zu erkennen, dass du es unter der Oberfläche schon bist – sobald du falsche Selbstbilder ablegst und dich entspannst, wird das sichtbar.

Wie werde ich unabhängiger von der Meinung anderer? Gurudev sagt seinen Zuhörern direkt: Jeder hat seinen eigenen, besonderen Platz – sich mit anderen zu vergleichen, nennt er eine Gewohnheit des Geistes, die ziemlich unglücklich machen kann. Er zeigt auch, wie leicht wir uns allein in den Worten anderer verlieren: Sagt jemand „ich liebe dich", bist du euphorisch, sagt jemand „ich mag dich nicht", bist du am Boden zerstört – dabei ist nichts als Worte geschehen.

Wie akzeptiere ich mich mit meinen Schwächen? Gurudev rät, tägliche Aussetzer – etwa eine ausgefallene Meditation – einfach zu beobachten, ohne sich selbst zu verurteilen. Sich selbst „einen schlechten Menschen" zu nennen, sei die tiefste Form der Selbstsabotage – sie disqualifiziert dich, bevor du angefangen hast. Er wiederholt eindringlich: Mach dir keine Vorwürfe. Die eigene aktuelle Natur beschreibt er als etwas Unpersönliches, das einfach geschieht – tägliche Übung, Ernährung, Umfeld und Gesellschaft nennt er als Hebel, die diese Natur mit der Zeit verschieben können.

Wie kann ich entspannen, wenn ich nicht abschalten kann? Gurudev warnt: Der Versuch, innere Unruhe mit aller Kraft „wegzumachen", ist selbst wieder eine Form von Tun, die die Unruhe nur weiter nährt. Er vergleicht das mit einem Teich, den man mit einem Stock aufwühlt und sich gleichzeitig darüber beschwert, dass er trüb ist. Die Anspannung, die er als brennendes, alles verzehrendes Feuer beschreibt, wird seiner Beobachtung nach paradoxerweise unruhiger, je stärker man versucht, sie mit Gewalt abzukühlen.

Verwandte Fragen

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „Without You, Where Will I Be?" (AG 19), 00:18:11–00:18:31
  • Narada Bhakti Sutras — „Love Knows No Boundaries" (BS 16), 00:29:29–00:30:05
  • Narada Bhakti Sutras — „Dwell in the Divine" (BS 17), 00:15:19–00:15:36