Energie & Müdigkeit: wenn die Erschöpfung im Inneren beginnt

Morgensonne löst den Nebel über einem grünen Tal auf
Kurzantwort: Energie und Müdigkeit hängen für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar eng mit dem Innenleben zusammen: Nicht nur Handeln kostet Kraft, auch Grübeln, Groll und ein rastloser Geist zehren an dir – oft mehr, als die eigentliche Aufgabe verlangt. Neue innere Energie entsteht weniger durch Ausruhen an sich als durch einen wacheren, weniger unruhigen Geist.

Woher innere Erschöpfung kommt

Es gibt viele Gründe für Müdigkeit, und nicht alle sind innerer Natur – hält Erschöpfung über längere Zeit an, lohnt es sich, das auch ärztlich abklären zu lassen. Diese Seite schaut auf eine andere, oft übersehene Quelle: die innere, emotionale Erschöpfung. Ein einzelnes Wort, ein kleiner Vorwurf, eine Kleinigkeit, die dich geärgert hat – und schon kreist dein Kopf stundenlang darum. Gurudev vergleicht das mit dem Kauen von Kaugummi: Der Kiefer arbeitet, doch es kommt keine Nahrung dabei heraus.

In einem winzigen Geist, wenn der Geist mit winzigen Dingen hier und dort beschäftigt ist, mit winzigen Objekten, winzigen Ereignissen und Vorfällen, winzigen Worten von Menschen, mit winzigen Anerkennungen oder Vorwürfen, Beleidigungen – dann zersplittert der Geist, kaut daran herum wie auf Kaugummi: Man kaut Kaugummi – doch er gibt keinerlei Nahrung. Nur die Kiefer ermüden, der Mund wird müde – und vom Kauen bleibt nichts übrig.

Englisches Original

In a small little mind, when mind is clocked with small little things here and there, small little objects, small little events and instances, small little words from people, small appreciations are blames or insults, your mind is cut up, goes on chewing it like chewing gum, eating chewing gum, it doesn't give any nutrition. Only the gums, your mouth gets tired, you get nothing by chewing gum.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Fountain of Joy', 00:07:39"

Genau so erschöpft dich das gedankliche Wiederkäuen kleiner Kränkungen – ohne dass am Ende irgendetwas dabei gewonnen wäre.

Wie viel Energie aufgewühlte Gedanken kosten

Auch die Richtung deiner Aufmerksamkeit kostet Kraft. Gurudev beschreibt, wie sehr es dich auslaugen kann, dich mit den Angelegenheiten von Menschen zu beschäftigen, die dir nicht guttun – etwa mit dem, was ein Rivale oder Konkurrent gerade erreicht.

Wenn du also Interesse an den Angelegenheiten deiner Feinde zeigst, sinkt deine Energie sofort. Ist dir das nicht auch schon passiert?

Englisches Original

So, if you take interest in the affairs of your enemies, right there your energy goes down. Hasn't this happened to you?

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚Love Alone is Supreme', 00:35:04"

Das ist für Gurudev kein Zufall: Wohin deine Aufmerksamkeit geht, dorthin fließt auch deine Energie.

Woher innere Eile kommt – und warum sie müde macht

Manchmal fühlt sich der ganze Tag wie Hetze an, obwohl objektiv gar nicht so viel zu tun ist. Gurudev unterscheidet zwischen dieser inneren Eile und echtem, energiegeladenem Handeln.

Gurudev: Es ist lächerlich, in Eile zu sein, um langsamer zu werden. Allein das Bewusstsein für die Eile wird sich schon darum kümmern. Langsamer zu werden bedeutet nicht Aufschieben oder Trägheit, auch wenn es leicht ist, in eines der beiden Extreme zu verfallen – Eile oder Trägheit. Die Eile in dir kommt von Fieberhaftigkeit, und Fieberhaftigkeit entsteht aus Mangel, aus einem Bedürfnis, etwas zu erreichen; Dynamik hingegen ist ein Ausdruck von Erfülltsein.

Englisches Original

Gurudev: It is ridiculous to be in a rush to slow down. Just being aware of the rush itself will take care of it. Slowing down does not mean procrastination or lethargy, though it is easy to be at the extremes of either rushing or lethargy. The rush in you is due to feverishness, and feverishness arises out of lack, a need to achieve; whereas dynamism is an expression of fulfilment.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 352 ‚Wake Up & Slow Down' (7. April 2002, Gangtok, Sikkim, India)"

Die Eile selbst ist es, die müde macht – nicht die Aufgabe. Fühlst du dich innerlich erfüllt, kann dieselbe Menge Arbeit sich ganz anders anfühlen.

Was echte innere Energie von bloßer Aktivität unterscheidet

Woher kommt neue innere Energie, wenn du dich leer fühlst? Gurudev unterscheidet drei Zustände, die über Erschöpfung oder Frische mitentscheiden: was dein Verlangen antreibt, was dein Handeln antreibt – und was deine Wachheit antreibt.

Wenn der Wunsch dominiert, lebst du in einer eingebildeten Welt, und Stress und Kummer sind die Folge. Wenn das Handeln dominiert, folgen Unbewusstheit, Rastlosigkeit und Erschöpfung. Wenn das Bewusstsein dominiert, dann erwacht das Glück.

Englisches Original

When desire dominates, you live in an imaginary world, and stress and sorrow result. When action dominates, unawareness, restlessness and fatigue follow. When the awareness is dominant, then happiness dawns.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 198 ‚Attaining Self-Knowledge' (25. März 1999, Rishikesh, India)"

Nicht das Tun an sich macht müde, sondern das Tun ohne Bewusstheit. Mehr Wachheit im Alltag ist für Gurudev deshalb ein direkterer Weg zu neuer Energie als bloßes Ausruhen.

Was du konkret tun kannst

  1. Beobachte, worüber du innerlich noch grübelst. Kleine Kränkungen oder Worte, die du gedanklich immer wieder durchgehst, kosten oft mehr Kraft als die eigentliche Situation selbst.
  2. Lenk deine Aufmerksamkeit bewusst um. Wovon du dich innerlich beschäftigen lässt – auch mit den Angelegenheiten anderer –, entscheidet mit darüber, wie viel Energie dir bleibt.
  3. Unterscheide Eile von echtem Tatendrang. Frag dich, ob eine Aufgabe dich aus einem inneren Mangel heraus hetzt oder aus einem Gefühl von Erfülltsein heraus trägt.
  4. Bring mehr Wachheit in das, was du ohnehin tust. Bewusstes, aufmerksames Handeln erschöpft dich oft weniger als dasselbe Tun im Autopiloten.
  5. Nimm anhaltende Erschöpfung ernst. Hält Müdigkeit über längere Zeit an, ist es sinnvoll, sie zusätzlich ärztlich abklären zu lassen – diese Seite ersetzt das nicht.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „Fountain of Joy" (AG 06), 00:07:39–00:08:24
  • Narada Bhakti Sutras — „Love Alone is Supreme" (BS 13), 00:35:04–00:36:41
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „Wake Up & Slow Down" (Wissensblatt 352, 7. April 2002, Gangtok, Sikkim, India)
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „Attaining Self-Knowledge" (Wissensblatt 198, 25. März 1999, Rishikesh, India)