Was ist Hingabe?

Zweige eines Baumes neigen sich sanft und ergeben sich dem Wind.
Kurzantwort: Hingabe ist für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar das Vertrauen in eine ordnende Kraft, die größer ist als du selbst – ausgedrückt im Gefühl „Dein Wille geschehe". Es ist nicht Passivität, sondern eine innere Haltung: annehmen, was gerade ist, statt dagegen anzukämpfen. Aus dieser Hingabe entstehen laut Gurudev Zufriedenheit, Enthusiasmus und ein Leben ohne ständiges Murren.

Was Gurudev dazu sagt

Kennst du das: Du merkst, wie sehr du versuchst, alles selbst im Griff zu behalten – und wie erschöpfend genau das ist? Gurudev beschreibt Hingabe als die Gegenbewegung dazu: nicht Kontrolle, sondern Vertrauen.

Habe Vertrauen in die unendliche organisierende Kraft der Höchsten Intelligenz und hege das aufrichtige Gefühl: 'Dein Wille geschehe'. Dann wird der Samen – 'Es ist nicht OK' – verbrannt. 'Dein Wille geschehe' ist ein Zustand vollkommener Zufriedenheit, ein Zustand reiner Liebe.

Englisches Original

Have faith in the infinite organizing power of the Supreme Intelligence and have the sincere feeling, 'Let Thy will be done'. Then the seed – 'It’s not OK' – gets burned. 'Thy will be done' is a state of total contentment, a state of just love.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 176 ‚The Cause of Return' (21. Oktober 1998, Montréal Āshram, Canada)"

Dieses „Dein Wille geschehe" ist für Gurudev kein resigniertes Aufgeben, sondern ein Zustand, in dem Zufriedenheit und Liebe von selbst da sind. Wie zeigt sich diese Haltung konkret im Umgang mit dem, was gerade passiert?

Tapas ist das Einverstandensein mit dem Moment, die völlige Annahme aller angenehmen oder unangenehmen Situationen. Vairāgya bedeutet, ich will nichts und ich bin nichts. Sharanāgāti ist, ich bin hier für dich, für deine Freude.

Englisches Original

Tapas is agreeing with the moment, total acceptance of all pleasant or unpleasant situations. Vairāgya means I want nothing and I am nothing. Sharanāgāti is I am here for you, for your joy.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 103 ‚The Way Out of Sorrow' (28. Mai 1997, Marseilles, France)"

Drei Facetten derselben Haltung: annehmen, was ist (Tapas), nichts wollen (Vairagya), und für die Freude eines anderen da sein (Sharanagati). Zusammen beschreiben sie, was Gurudev Hingabe nennt. Und was verändert sich, wenn diese Hingabe zu einem großen Teil gelebt wird?

Vollständige Hingabe bringt enormen Enthusiasmus, Eifer, Vertrauen und lässt dem Ego keinen Raum.

Englisches Original

Total dedication brings enormous enthusiasm, zeal, trust, and does not leave any room for ego.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 102 ‚Dedication and Commitment' (21. Mai 1997, Vienna, Austria)"

Enthusiasmus, Eifer, Vertrauen – und kein Platz mehr fürs Ego, das sich ständig behaupten will. Genau das beschreibt Gurudev als die Frucht echter Hingabe.

Was du konkret tun kannst

  1. Übe das Gefühl „Dein Wille geschehe", statt alles kontrollieren zu wollen. Dieses innere Ja, sagt Gurudev, verbrennt den Samen des „Das ist nicht okay" – ohne dass du dafür kämpfen musst.
  2. Nimm den gegenwärtigen Moment an, wie er ist. Das nennt Gurudev Tapas: volle Annahme, ob angenehm oder unangenehm – nicht Resignation, sondern eine bewusste innere Haltung.
  3. Frag dich, wofür du gerade da bist. Sharanagati beschreibt Gurudev als die Haltung „ich bin hier für dich, für deine Freude" – richte den Blick von dir weg, hin zum anderen.
  4. Beobachte, wie viel Raum dein Ego gerade einnimmt. Vollständige Hingabe lässt laut Gurudev dem Ego keinen Platz mehr – ein guter Gradmesser dafür, wie weit du schon losgelassen hast.

Häufige Fragen

Wie kann ich lernen, meine Sorgen loszulassen und zu vertrauen? Gurudev sagt, dass alles, wonach wir uns sehnen, ohnehin zu uns kommt, sobald wir loslassen – das Problem ist die fest geschlossene Faust, in die nicht einmal Luft eindringt. Genau dieses Öffnen ist für ihn der Sinn jeder spirituellen Übung. An einem Alltagsbeispiel zeigt er außerdem, wie schnell aus einer kleinen unerklärten Sache – ein Partner geht unangekündigt ins Kino – durch Festhalten am Zweifel ein handfestes Chaos wird.

Wie kann ich lernen, mit dem zufrieden zu sein, was ich habe? Gurudev zeigt, wie wir gleichermaßen feststecken, ob wir etwas haben oder nicht: Wer ein großes Auto besitzt, klagt über die Last, es zu erhalten – wer keines hat, klagt darüber, keines zu haben. Zufriedenheit kommt für ihn nicht aus dem Objekt selbst. Er beschreibt außerdem die eigenartige Natur des Geistes: Er begehrt etwas, verliert aber im Moment des Erreichens das Interesse daran – gelingt es nicht, fällt er stattdessen in Frustration.

Was bedeutet Vertrauen in eine höhere Macht? Gurudev weist darauf hin, dass Herzschlag und Atem nie deiner willentlichen Kontrolle unterlagen – jede Zelle wächst und vergeht von selbst. Das nennt er die Grundlage dafür, der Existenz zu vertrauen, statt Kontrollverlust zu fürchten. Auf die ängstliche Schleife „warum ist mein Geist so, wann wird es besser" antwortet er schlicht: die Frage fallen lassen und dich in das Vertrauen entspannen, dass du bereits versorgt bist, wo auch immer du gerade bist.

Wie kann ich innerlich ruhiger werden? Gurudev warnt, dass der Versuch, Unruhe mit Anstrengung „rückgängig zu machen", selbst wieder eine Form von Tun ist, die die Unruhe nur nährt – er vergleicht das mit einem Teich, den man mit einem Stock umrührt und sich dann über die Trübheit beklagt. Er zeigt zudem das Paradox, Frieden so intensiv zu wollen, dass genau dieses Wollen unruhig macht – während echter Frieden ausschließlich von innen kommt, nie von äußeren Umständen.

Verwandte Fragen

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „The Cause of Return" (Wissensblatt 176, 21. Oktober 1998, Montréal Āshram, Canada)
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „The Way Out of Sorrow" (Wissensblatt 103, 28. Mai 1997, Marseilles, France)
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „Dedication and Commitment" (Wissensblatt 102, 21. Mai 1997, Vienna, Austria)