Hingabe und Gebet: was Gurudev unter innerer Haltung versteht

Zwei geöffnete Hände fangen sanftes Morgenlicht auf
Kurzantwort: Hingabe und Gebet beschreiben bei Gurudev Sri Sri Ravi Shankar keine Technik, sondern eine innere Haltung: loslassen, vertrauen und lieben, ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Er lehrt, dass ein wandernder Geist beim Beten nicht mit mehr Anstrengung, sondern mit mehr Liebe zur Ruhe kommt. Hingabe bedeutet für ihn, dem Leben mit offenen Händen zu begegnen, statt alles festhalten zu wollen.

Was bedingungslose Liebe mit Hingabe zu tun hat

Bevor es um Gebet oder eine höhere Macht geht, beginnt Hingabe für Gurudev oft näher: bei der Frage, was du an einem anderen Menschen eigentlich liebst. Liebst du jemanden wegen seiner Eigenschaften – oder einfach, weil er ist, wie er ist?

Weißt du – wenn du jemanden liebst, was liebst du da wirklich an ihm? Liebst du seine Eigenschaften, seine Merkmale – oder das Sein selbst? So ist die Liebe einer Mutter oder eines Vaters zu ihrem Kind nicht aufgrund seiner Eigenschaften. Selbst ein Kind mit geistiger Behinderung wird von der Mutter oder dem Vater bedingungslos geliebt.

Englisches Original

You know—when you love somebody, what do you truly love in them? Do you love their qualities, their attributes—or the very being itself? Like a parent’s love for a child is not because of their attributes. Even a child with intellectual disability is unconditionally loved by a parent.

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚Love Cannot Be Expressed', 00:17:50"

Dieses Bild zeigt für Gurudev, wie bedingungslose Liebe grundsätzlich aussieht: nicht als Belohnung für gutes Verhalten, sondern als Haltung, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Genau diese Qualität überträgt sich für ihn auch auf Hingabe im größeren Sinn.

Der Unterschied zwischen Loslassen und Festhalten

Viele stellen sich Hingabe als etwas Passives vor – als würde man einfach aufgeben. Gurudev beschreibt eher das Gegenteil: Was du dir am meisten wünschst, kommt oft gerade dann zu dir, wenn du aufhörst, es krampfhaft festzuhalten.

Alles, wonach du dich sehnst, alles, woran du festhältst, kommt ohnehin zu dir – von selbst, automatisch. Doch du musst loslassen. Du ballst deine Faust fest zusammen. Warum öffnest du nicht einfach die Hände – und siehst: der ganze Himmel ist in deiner Hand. Du schließt deine Faust – nicht einmal Luft kann da eindringen. Geschweige denn Diamanten. Ein Prozess des Öffnens der Faust.

Englisches Original

All that you are craving for, all that you are hanging on to, they come to you, anyway to you, automatic. But you have to let go. You are holding your fist tight. Why not open your hands and you see the whole sky is in your hand. You are closing your fist, even air cannot enter there. Let alone the diamonds. A process of opening the fist.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚You Are Free Right Now', 00:29:39"

Das Bild der geschlossenen Faust macht deutlich, worum es bei Hingabe für Gurudev eigentlich geht: nicht darum, weniger zu wollen, sondern darum, die Hände zu öffnen – damit überhaupt etwas hinein- oder herausfließen kann.

Gebet als innere Haltung, nicht als Anstrengung

Viele Menschen erleben beim Beten oder in der Stille dasselbe: Der Geist springt hin und her, egal wie sehr man sich konzentriert. Gurudev antwortet darauf mit einem einfachen Prinzip: Anstrengung ist nicht das, was den Geist zur Ruhe bringt.

„Guruji, mein Geist springt überall hin, wenn ich zum Gebet und zur Meditation sitze.“ „Mein Geist geht niemals zu Ihm – er springt nur herum.“ „Da braucht’s Anstrengung, Konzentration!“ „Es ist keine Konzentration nötig, keine Anstrengung nötig, wenn du Gott liebst.“ Der Geist geht nur dorthin, wo Liebe ist.

Englisches Original

“Guruji, my mind goes all over the place when I sit for prayer and meditation.” “My mind never goes to God; it goes all over the place.” “Need effort, concentration!” I said, “There is no need of concentration, no need of effort, if you love God.” The mind goes only where there is love.

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚Love Needs No Proof', 00:08:52"

Für Gurudev ist Gebet deshalb weniger eine Technik der Konzentration als eine Frage der inneren Ausrichtung. Wo echte Zuneigung da ist – zu einem Menschen, dem Leben oder dem, was du als höhere Macht verstehst –, geht der Geist von selbst dorthin, ohne dass du ihn zwingen musst.

Vertrauen auf mehreren Ebenen

Vertrauen ist für Gurudev kein einzelner Punkt, sondern baut sich in Schichten auf: Vertrauen in dich selbst, Vertrauen in das Leben um dich herum – und, wer diesen Schritt gehen möchte, Vertrauen in etwas noch Größeres.

Gurudev: Glaube ist der Anfang. Vertrauen ist das Ergebnis. Glaube an dich selbst bringt Freiheit. Glaube an die Welt bringt dir Seelenfrieden. Glaube an Gott erweckt Liebe in dir.

Englisches Original

Gurudev: Faith is the beginning. Confidence is the result. Faith in yourself brings freedom. Faith in the world brings you peace of mind. Faith in God evokes love in you.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 155 ‚Faith is Your Wealth' (28. Mai 1998, Bangalore Āshram, India)"

Diese Reihenfolge ist bezeichnend: Für Gurudev beginnt Vertrauen nicht bei einer höheren Macht, sondern bei dir selbst. Erst aus diesem Grund heraus kann sich Vertrauen überhaupt weiterentwickeln – in welche Richtung auch immer das für dich persönlich geht.

Was du konkret tun kannst

  1. Frag dich, ob deine Zuneigung an Bedingungen hängt. Prüf bei Menschen, die dir wichtig sind, ob deine Liebe von ihrem Verhalten abhängt – oder ob sie bleibt, auch wenn nicht alles nach Wunsch läuft.
  2. Öffne bewusst die Hände bei etwas, das du festhältst. Wenn du merkst, dass du dich an ein Ergebnis klammerst, halt kurz inne und lass den Griff bewusst locker, ohne die Sache selbst aufzugeben.
  3. Ersetz Anstrengung durch Zuneigung, wenn dein Geist wandert. Statt dich beim Beten oder in der Stille zum Konzentrieren zu zwingen, richte deine Aufmerksamkeit auf das, was dir wirklich am Herzen liegt.
  4. Bau Vertrauen zuerst bei dir selbst auf. Bevor du dich fragst, woran du glaubst, schau, wie viel Vertrauen du dir selbst gegenüber bereits hast. Das ist für Gurudev der erste Schritt.
  5. Lass Hingabe ein Gefühl bleiben, keine Pflicht. Wenn sich Hingabe für dich wie Zwang anfühlt, ist es nach Gurudevs Verständnis keine Hingabe mehr. Kehr zurück zu dem, was sich für dich wirklich wie Vertrauen anfühlt.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Narada Bhakti Sutras — „Love Cannot Be Expressed" (BS 10), 00:17:50–00:18:09
  • Ashtavakra Gita — „You Are Free Right Now" (AG 05), 00:29:39–00:30:19
  • Narada Bhakti Sutras — „Love Needs No Proof" (BS 12), 00:08:52–00:09:17
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „Faith is Your Wealth" (Wissensblatt 155, 28. Mai 1998, Bangalore Āshram, India)