Meditation: was sie ist und was nicht

Eine ruhige Kerzenflamme in einem stillen, leeren Raum
Kurzantwort: Meditation ist für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar kein Tun, sondern ein Zulassen: eine Übung, in der du Gedanken und Gefühle kommen und gehen lässt, ohne sie festzuhalten oder zu bekämpfen. Es geht nicht darum, den Geist leer zu machen, sondern wacher Zeuge dessen zu werden, was ohnehin schon in dir da ist.

Was beim Meditieren wirklich geschieht

Du setzt dich hin, schließt die Augen – und schon ist er da: ein Gedanke, eine Unruhe, ein Gefühl, das einfach auftaucht. Der erste Reflex ist meistens, dagegen anzukämpfen oder krampfhaft festzuhalten, je nachdem, was gerade kommt. Gurudev dreht diesen Blick um: Nicht die Gedanken und Gefühle binden dich, sagt er – du selbst bist es, der festhält, was von Natur aus schon in Bewegung ist und weiterziehen will.

Tatsächlich bindet dich nichts. Du selbst bindest, was bereits in Bewegung ist. Das ist die Ironie: Die Elemente binden dich nicht — du bindest sie. Eine Fliege will aus deinem Zimmer fliegen, und du hältst die Tür zu: „Nein, geh nicht raus!“ Du hältst die Tür zu. Etwas möchte entweichen, doch du willst nicht, dass es sich bewegt — du versuchst, es festzuhalten. Du bindest sie. Tatsächlich ist es genau umgekehrt.

Englisches Original

In fact, nothing is binding you. You are binding what is already moving. This is the irony: the elements are not binding you — you are binding them. A fly is trying to get out of your room, and you’re holding the door shut — “No, don’t go!” You are shutting the door. Something wants to escape, but you don’t want it to move — you’re trying to stop it. You are binding them. In fact, it’s the other way around.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚The Secret of the Elements', 00:28:15"

Meditation beginnt für Gurudev also nicht damit, etwas zu erzwingen, sondern damit, die Tür offen zu lassen und zuzuschauen, was ohnehin schon vorbeizieht.

Wenn Gedanken sich nicht vertreiben lassen

Viele beginnen mit Meditation, weil sie hoffen, den Kopf endlich leer zu bekommen. Genau da liegt für Gurudev ein Missverständnis, das er gern mit einer Geschichte erklärt: Ein Bauer bekommt von einem Heiligen ein Mantra – unter einer Bedingung. Er darf beim Wiederholen nicht an einen roten Ballon denken. Was vorher kein Thema war, wird ab diesem Moment zur einzigen Sache, an die er noch denken kann.

Nach drei Tagen war er so sehr durch rote Ballons gestört, dass er am vierten Tag zu dem Heiligen zurücklief, flehte: „Bitte nimm deinen Mantra weg – und auch deinen roten Ballon! Ich will keins von beiden!“ „Befreie mich einfach von dieser ganzen roten-Ballon-Geschichte – ich bin verrückt geworden, ich kann nicht mehr funktionieren!“

Englisches Original

In three days, he was so disturbed by red balloons that on the fourth day he ran back to the saint, pleading, “Please take away your mantra—and your red balloon too! I don’t want either!” “Just free me from this red balloon business—I’ve gone crazy, I can’t function!”

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚The Nature of the Mind', 00:06:40"

Die Pointe der Geschichte trifft ein gängiges Missverständnis über Meditation: Wer krampfhaft versucht, einen Gedanken zu vertreiben, gibt ihm erst richtig Kraft. Innere Praxis heißt für Gurudev nicht, Gedanken mit Gewalt loszuwerden, sondern zu lernen, anders mit ihnen umzugehen.

Zeuge werden, statt mitzuziehen

Was aber, wenn Gedanken und Stimmungen trotzdem da sind, mitten in der Praxis? Gurudev vergleicht das mit einem bewölkten Himmel. Der Himmel wirkt für einige Momente dunkel und grau – doch das ist nicht seine eigentliche Farbe, sondern nur, was gerade vorbeizieht. Wer den Blick an die Wolken heftet, reist mit ihnen mit; wer den Blick auf den Raum dahinter richtet, bleibt, wo er ist.

Zwar scheint es, als gäbe es Wolken am Himmel, und der Himmel erscheint dunkel — doch das ist nicht die Farbe des Himmels. Für einige Momente bleibt er so. Er erscheint sehr dunkel und grau oder wie auch immer — und dann ziehen sie weiter. Richte deinen Blick auf den Raum, nicht auf die ziehenden Wolken; sonst reist du mit den Wolken. Wohin sie auch gehen — deine Augen folgen den Wolken — doch du siehst das:

Englisches Original

Though it appears that there are clouds in the sky, and the sky appears dark — that’s not the color of the sky. For a few moments it remains like that. It appears very dark and gray or whatever — and then they move away. Fix your eye on the space, not on the moving clouds; otherwise you will travel with the clouds. Wherever they go, your eyes go along with the clouds — but you see that —

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Drop All Conflicts', 00:31:43"

Genau dieses Zurücktreten – den Wolken zusehen, statt mit ihnen zu ziehen – beschreibt Gurudev als den Kern des Zeuge-Seins in der Meditation. Es ist kein Wegschauen und kein Verdrängen, sondern ein ruhiges Wahrnehmen dessen, was kommt und wieder geht.

Präsenz, die über das Sitzen hinausreicht

Für Gurudev endet innere Praxis nicht mit dem Öffnen der Augen am Ende der Sitzung. Was in der Meditation geübt wird – ganz bei einer Sache zu sein –, gehört für ihn genauso in den Alltag. Er beschreibt das an ganz gewöhnlichen Momenten: beim Abwasch, beim Gärtnern, beim Pflanzen eines kleinen Baumes. Nicht die Größe der Handlung zählt, sondern wie ganz du dabei bist.

Du spülst gerade zu 100 % das Geschirr. In diesem Moment bist du beim Geschirr – bei den Seifenblasen darauf, beim Wasser, das darüberfließt – und beim Schwamm, der darüberstreicht – einfach das, einfach das. Du arbeitest im Garten – beim Gärtnern – mit dieser Schaufel, was immer es auch ist – und dann um dich herum wird ein kleiner Baum gepflanzt, in den Topf gesetzt, der Schlamm und die Wurzeln und deine Hände – und das ist es. In diesem Augenblick bist du völlig da.

Englisches Original

You are 100% cleaning the dish. At that moment, you are with the dish—the soap bubbles on it, the water flowing over it— and the sponge moving across it—just that, just that. You’re gardening—working in the garden—with that shovel, whatever it is— and then around you, planting a small tree, putting it in the pot, the mud and the roots and your hands — and that is it. At this very moment, you are totally there.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Uncovering Bliss', 00:07:10"

So gesehen ist Meditation für Gurudev weniger eine Insel im Tagesablauf als eine Qualität, die sich von der Sitzpraxis aus in jede Handlung hinein ausbreiten kann.

Was du konkret tun kannst

  1. Lass Gedanken kommen und gehen, statt sie festzuhalten. Wenn beim Sitzen etwas auftaucht, musst du es weder festhalten noch wegschieben. Beobachte, wie es von selbst wieder zieht, so wie eine Fliege, die aus dem Zimmer will.
  2. Kämpfe nicht gegen aufdringliche Gedanken. Je mehr du einen Gedanken loswerden willst, desto lauter wird er oft. Lenk deine Aufmerksamkeit stattdessen sanft zurück zu deinem Atem oder deinem Mantra, ohne Druck.
  3. Richte den Blick auf den Raum, nicht auf die Wolken. Wenn eine Stimmung dich einfärbt, erinnere dich: Das ist nicht deine ganze Farbe, nur ein vorbeiziehendes Wetter. Bleib bei dem, was bleibt, statt bei dem, was zieht.
  4. Übe das Zeuge-Sein auch außerhalb der Sitzung. Nimm dir für eine ganz gewöhnliche Tätigkeit – abwaschen, im Garten arbeiten, gehen – bewusst vor, ganz dabei zu sein, ohne nebenher an etwas anderes zu denken.
  5. Kehr sanft zurück, sooft der Geist wandert. Das ist normal. Jedes ruhige Zurückkommen zur Übung ist bereits die Praxis selbst, kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „The Secret of the Elements" (AG 03), 00:28:15–00:29:36
  • Ashtavakra Gita — „The Nature of the Mind" (AG 12), 00:06:40–00:06:59
  • Ashtavakra Gita — „Drop All Conflicts" (AG 14), 00:31:43–00:32:15
  • Ashtavakra Gita — „Uncovering Bliss" (AG 32), 00:07:10–00:07:56