Selbstzweifel & Selbstwert: wie du aufhörst, dich selbst kleinzumachen

Ein junger Trieb wächst aufrecht aus einer Spalte im verwitterten Stein
Kurzantwort: Selbstzweifel und Selbstwert drehen sich für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar nicht darum, endlich fehlerfrei zu werden, sondern darum, aufzuhören, dich selbst zu verurteilen. Ein Fehler macht dich nicht zu einem schlechten Menschen, ein Vergleich mit anderen sagt nichts über deinen Wert aus. Dein Wert ist keine Leistung, die du erst beweisen musst.

Der erste Schritt der Selbstverurteilung

Ein Fehler passiert – und schon kommt der innere Satz: „Ich bin einfach eine schlechte Person." Für Gurudev ist genau dieser Satz das eigentliche Problem, nicht der Fehler selbst. Er vergleicht diese Selbstverurteilung mit einer Bewerbung, die du zerreißt, noch bevor sie überhaupt abgeschickt wurde.

Verurteile dich nicht: „Ich bin eine schlechte Person, ich habe keine Disziplin“ – das ist unnötig. Sag niemals, du seist eine schlechte Person. Damit disqualifizierst du dich bereits im ersten Schritt. Du reißt dein eigenes Gesuch nieder – noch bevor es überhaupt eingereicht ist. Wenn du sagst, du seist eine schlechte Person, bist du es nicht.

Englisches Original

Don’t judge yourself: “I’m a bad person, I’m not disciplining” — that’s not necessary. Never say that you are a bad person. You are disqualifying in your very first step. You are tearing down your own application — ripping it off before it’s even submitted. If you say you are a bad person, you are not bad.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Introduction & Qualifications', 00:29:48"

Ein Fehler zu sehen und sich selbst als schlecht zu bezeichnen, sind für Gurudev zwei völlig verschiedene Dinge. Das eine lässt sich korrigieren. Das andere schneidet dir schon den Weg dorthin ab.

Der Vergleich, der dich unglücklich macht

Oft beginnt Selbstzweifel gar nicht bei dir selbst, sondern beim Blick auf andere: was die eine Person erreicht hat, wie mühelos es bei jemand anderem wirkt. Gurudev macht klar, dass dieser Vergleich kein neutraler Blick ist, sondern etwas, das aktiv Unglück erzeugt.

Du hast einen ganz besonderen Platz – vergleiche dich nicht mit anderen. Das ist doch wieder etwas anderes, oder? Dein Geist kann darüber sehr unglücklich werden.

Englisches Original

You have a special place, you know, don't compare yourself with others. This is another thing, no? Your mind can become very unhappy about this.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Everything is God', 00:07:30"

Der besondere Platz, von dem Gurudev spricht, ist kein Trostpflaster. Es ist eine Erinnerung daran, dass ein Vergleich immer einen fremden Maßstab an deinen eigenen Weg anlegt.

Wenn Wissen nicht bis zum Gefühl vordringt

Manchmal ist das Problem nicht, dass du die richtigen Worte über dich noch nicht gehört hast. Du hast sie vielleicht schon oft gehört – dass du gut bist, dass du wertvoll bist – und fühlst dich trotzdem nicht so. Gurudev benennt diese Lücke zwischen Wissen und Fühlen offen, statt sie kleinzureden.

Sollten sie dann sagen: „Du bist rein.“ Du hast gehört, dass du rein bist. Und doch fühlst du dich wie ein Sünder. Du hast gehört, dass du wunderschön bist. Und doch fühlst du dich hässlich. Du hast es so oft gehört. „Du bist wunderschön.“ Aber du fühlst dich nicht wirklich wunderschön.

Englisches Original

Should they say, then: “You are pure.” You have heard you are pure. Still you feel you are a sinner. You have heard, you are so beautiful. Still you feel you are very ugly. You have heard so many times. You are beautiful. But you don't feel yourself very beautiful.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Give Everything and Take Nothing', 00:33:19"

Das ist kein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es zeigt nur, dass Wissen allein selten reicht – das Gefühl für den eigenen Wert braucht oft mehr als einen einzelnen Satz, den du hörst.

Demut ist nicht dasselbe wie sich klein fühlen

Ein Missverständnis, das viel Selbstzweifel nährt: die Vorstellung, Bescheidenheit heiße, sich selbst klein zu machen. Gurudev trennt beides klar voneinander – Demut vor anderen und das Gefühl, weniger wert zu sein, sind für ihn zwei völlig unterschiedliche innere Haltungen.

Es gibt zwei Dinge: das eine ist Demut; das andere ist das Gefühl, „niedrig“ zu sein – das ist etwas völlig anderes. Keiner unserer Praktizierenden, Lehrer, Verehrer oder Sadhaks hier – Sich um jeden Preis vor irgendjemandem klein fühlen – aber vor allen wirklich demütig sein.

Englisches Original

There are two things: one is being humble; another is feeling low—it’s very different. None of our practitioners, teachers, devotees, or sadhaks here— Should feel low at any cost in front of anybody—but be very humble in front of everyone.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Be Happy and Dispassionate', 00:17:56"

Wer sich vor niemandem klein fühlen muss und trotzdem allen gegenüber demütig bleiben kann, hat für Gurudev beides zugleich: Selbstachtung und Offenheit für andere – ohne dass das eine das andere ausschließt.

Was du konkret tun kannst

  1. Trenn den Fehler von deinem Selbstbild. Wenn dir etwas misslingt, beschreibe genau, was passiert ist, statt daraus ein Urteil über dich als Person zu machen. „Das ist schiefgelaufen" ist etwas anderes als „Ich bin schlecht."
  2. Frag dich, an welchem Maßstab du dich gerade misst. Wenn ein Vergleich mit jemand anderem in dir aufsteigt, halt kurz inne. Der Maßstab, an dem du dich misst, ist oft willkürlicher, als er sich anfühlt.
  3. Gib dem Gefühl Zeit, dem Wissen zu folgen. Wenn eine wahre Sache über dich sich noch nicht wahr anfühlt, ist das kein Widerspruch. Manches braucht Wiederholung und Erfahrung, nicht nur den einmaligen Gedanken.
  4. Unterscheide Demut von Selbstabwertung. Höflich und offen zu sein, ist kein Grund, dich klein zu machen. Du kannst jemandem mit Respekt begegnen, ohne dich selbst dabei zu unterschätzen.
  5. Sprich mit dir wie mit jemandem, der dir wichtig ist. Bevor du einen harten Satz über dich denkst, frag dich, ob du ihn auch zu jemandem sagen würdest, der dir nahesteht.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „Introduction & Qualifications" (AG 01), 00:29:48–00:31:10
  • Ashtavakra Gita — „Everything is God" (AG 07b), 00:07:30–00:07:44
  • Ashtavakra Gita — „Give Everything and Take Nothing" (AG 11), 00:33:19–00:33:44
  • Ashtavakra Gita — „Be Happy and Dispassionate" (AG 18), 00:17:56–00:18:34