Sinn des Lebens: wonach du eigentlich suchst

Eine weite Landschaft im ersten Licht, ein Pfad führt zum Horizont
Kurzantwort: Der Sinn des Lebens ist für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar keine ferne Antwort, die du erst finden musst, sondern etwas, das sich in Momenten echten Dienens, echter Präsenz und echter Hingabe zeigt. Nicht das Streben nach Glück später bringt Erfüllung, sondern das volle Dasein jetzt – in dem, was du für andere und für das Leben selbst tust.

Die Frage, die alle stellen

Fast jeder stellt sich irgendwann dieselbe Frage: Wofür eigentlich das alles? Gurudev greift genau diese Frage auf und führt sie auf einen einzigen Punkt zurück: Was auch immer du dir wünschst, am Ende läuft es auf Glücklichsein hinaus. Das Tückische daran: Die meisten von uns bereiten sich ihr ganzes Leben lang darauf vor, glücklich zu sein – und kommen kaum dazu, es tatsächlich zu sein.

Denn warum gehen wir eigentlich? Was wollen wir wirklich vom Leben? Du wirst sehen: Alles, was du willst, läuft auf Glück hinaus. Du willst glücklich sein. Und das ganze Leben lang bereitest du dich darauf vor, glücklich zu sein – und bist es nie. Es ist, als ob man die ganze Nacht das Bett macht und keine Zeit zum Schlafen bleibt.

Englisches Original

After all, why do we leave? What do we truly want from life? You will see that all that you want boils down to happiness. You want to be happy. And the whole life we prepare to be happy and we are never happy. It's like making bed all night and having no time to sleep.

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚Compassion & Trust', 00:38:04"

Das Bild vom Bettmachen ohne Schlafenszeit trifft für viele einen wunden Punkt: ständig vorbereiten, planen, aufschieben – und der Moment, in dem all das Sinn ergeben sollte, verschiebt sich weiter und weiter nach hinten.

Der Sinn hinter dem, was schwer ist

Nicht jeder Moment, der Sinn stiftet, fühlt sich gut an, während er passiert. Gurudev spricht offen darüber, dass gerade unangenehme Überraschungen – Verluste, Enttäuschungen, Umwege – oft mehr in dir bewegen als die angenehmen.

Wenn die Natur dir gerne Überraschungen schenkt, liebt Gott den Spaß. Er schenkt dir immer wieder Überraschungen – manchmal angenehme, manchmal unangenehme. Wenn du sowohl durch Unangenehmes wie durch Angenehmes wächst, dann wächst du tatsächlich viel stärker durch unangenehme Überraschungen als durch die angenehmen. Jede Überraschung trägt also eine große Botschaft für dich in sich.

Englisches Original

When nature loves to give you surprises, God loves fun. He always gives you surprises, sometimes pleasant, sometimes unpleasant. When you grow by unpleasant as well as by pleasant, in fact you grow much more by unpleasant surprises than the pleasant ones. So each surprise has a big message behind that to you.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚The Secret of Mistakes', 00:02:25"

Das ist kein Trost, der einen schweren Moment kleinredet. Es ist eine Einladung, im Nachhinein zu fragen, was eine schwierige Zeit dir eigentlich gezeigt hat – auch wenn diese Frage erst später beantwortet werden kann.

Dienen als gelebter Sinn

Für viele bleibt der Sinn des Lebens ein abstrakter Gedanke, solange er nicht in etwas Konkretem landet. Gurudev macht daraus etwas Handfestes: Dienst an anderen, sevā. Nicht als Pflicht, sondern als Haltung, die das ständige Kreisen um das eigene Ich löst.

Allein der Gedanke, 'Ich bin hier in dieser Welt, um Sevā zu tun', löst das 'Ich' auf, und wenn das 'Ich' sich auflöst, lösen sich auch die Sorgen auf. Sevā ist nicht etwas, das du aus Bequemlichkeit oder zum Vergnügen tust. Der letzte Sinn des Lebens ist es, zu dienen.

Englisches Original

The very thought, 'I am here in this world to do sevā', dissolves the 'I' and when the 'I' dissolves, worries dissolve. Sevā is not something you do out of convenience or for pleasure. The ultimate purpose of life is to be of service.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 179 ‚The Purpose of Life' (12. November 1998, Bangalore Āshram, India)"

In diesem Sinn ist Dienen für Gurudev kein Zusatzprogramm neben dem eigentlichen Leben, sondern das, wodurch das eigene Ich leiser wird – und mit ihm ein gutes Stück der täglichen Sorgen.

Eine Reise zurück zur Quelle

Auf einer größeren Ebene fasst Gurudev die Frage nach dem Sinn des Lebens noch weiter: nicht als einzelne Handlung, sondern als Bewegung, die das ganze Leben durchzieht – eine Reise, die letztlich zurück zu ihrem Ursprung führt.

Was ist der Sinn des menschlichen Lebens? Das menschliche Leben ist eine Reise – eine zyklische Reise, um zur Quelle zurückzukehren. Von dort, wo die Materie zum Geist wurde und der Geist in seinen verschiedenen Erscheinungsformen sich entfaltete, um wieder zu seiner wahren Natur zurückzukehren – das ist der menschliche Zyklus, der universelle Lebenszyklus.

Englisches Original

What is the purpose of human life? Human life is a journey, is a cyclic journey to get back to the source. From where the matter became spirit, and spirit in its different manifestation moved around to get back to its true nature — that is the human cycle, the universal cycle of life.

„Aus einem Vortrag über die Yoga Sutras des Patanjali — ‚Kaivalya Pāda 2', 00:32:53"

Dieses Bild einer Reise verändert die Frage nach dem Sinn: Es geht weniger darum, eine einzelne richtige Antwort zu finden, als zu erkennen, dass du dich die ganze Zeit bereits auf dem Weg befindest.

Was du konkret tun kannst

  1. Frag dich, wonach du eigentlich suchst, wenn du dir etwas wünschst. Hinter den meisten Wünschen steckt am Ende derselbe Wunsch: glücklich zu sein. Das zu erkennen, kann helfen, weniger Umwege zu nehmen.
  2. Nimm dir bewusst Zeit für das, worauf du sonst nur hinarbeitest. Wenn du merkst, dass du ständig auf einen späteren Moment hin vorbereitest, halt inne und frag dich, ob dieser Moment nicht schon jetzt möglich wäre.
  3. Schau auf schwierige Phasen auch im Rückblick. Wenn eine schwere Zeit vorbei ist, frag dich, was sie dir gezeigt oder verändert hat – nicht um sie zu beschönigen, sondern um ihr einen Platz zu geben.
  4. Tu etwas für jemand anderen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Schon eine kleine Geste kann den ständigen Kreis um die eigenen Sorgen für einen Moment unterbrechen.
  5. Sieh dein Leben als Weg, nicht als einzelnen Punkt, an dem du ankommen musst. Du musst den Sinn nicht an einem einzigen Tag finden. Manches klärt sich erst über Zeit.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Narada Bhakti Sutras — „Compassion & Trust" (BS 19), 00:38:04–00:38:33
  • Ashtavakra Gita — „The Secret of Mistakes" (AG 24), 00:02:25–00:03:07
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „The Purpose of Life" (Wissensblatt 179, 12. November 1998, Bangalore Āshram, India)
  • Yoga Sutras des Patanjali — „Kaivalya Pāda 2" (YS 11), 00:32:53–00:33:31