Warum bin ich hier?

Offener Horizont bei Sonnenaufgang mit einem einzelnen Pfad
Kurzantwort: Gurudev Sri Sri Ravi Shankar antwortet zuerst mit dem, was du nicht hier sollst: nicht um zu klagen, zu streiten oder dich zur Schau zu stellen. Positiv gewendet: Du bist hier, um deinem Leben Nutzen zu geben – jeden Atemzug für andere wirken zu lassen – und um deine eigene Beziehung zu dir selbst zu entdecken.

Was Gurudev dazu sagt

Kennst du das: Du liegst nachts wach und fragst dich, warum du eigentlich hier bist, was der eigentliche Sinn ist? Gurudev nähert sich der Frage zunächst über eine einfache Selbst-Übung: innehalten und direkt nach innen schauen, statt dich weiter über die Meinungen anderer zu definieren.

Du definierst dich durch die Augen anderer. Wie steht es um deine Beziehung zu dir selbst? Wirf einfach alles weg – für fünf Minuten. Selbst fünf Sekunden reichen aus. „Was bin ich? Wer bin ich?“ „Was will ich?“ „Ich bin Leben.“

Englisches Original

You define yourself through others’ eyes. What is your relationship to yourself? Throw everything out — for five minutes. Even five seconds will do. “What am I? Who am I?” “What do I want?” “I am life.”

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Prana, Faith and Doubt', 00:30:05"

Auf die direkte Frage, wofür er eigentlich hier sei, hat Gurudev in seinem Buch eine Antwort gegeben, die zunächst über das führt, was du nicht hier bist.

1. Du bist nicht hier, um zu schuldigen; 2. Du bist nicht hier, um zu weinen; 3. Du bist nicht hier, um zu schlafen; 4. Du bist nicht hier, um dich zur Schau zu stellen; 5. Du bist nicht hier, um zu streiten; 6. Du bist nicht hier, um unglücklich zu sein; 7. Du bist nicht hier, um wütend zu sein; 8. Du bist nicht hier, um dir Sorgen zu machen.

Englisches Original

1. You are not here to blame; 2. You are not here to cry; 3. You are not here to sleep; 4. You are not here to show off; 5. You are not here to fight; 6. You are not here to be miserable; 7. You are not here to be angry; 8. You are not here to worry.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 44 ‚Vivek' (10. April 1996, Jakarta, Indonesia)"

Was dann übrig bleibt, füllt Gurudev an anderer Stelle mit einer Richtung: nützlich sein, für andere da sein.

Du solltest die Sehnsucht haben, nützlich zu sein; jeden deiner Atemzüge für alle nützlich sein zu lassen; ihn ringsum Duft verbreiten zu lassen. Jeder Einzelne von euch ist göttlich, und Gott ist immer in jedem von uns gegenwärtig.

Englisches Original

You should have a yearning to be useful; to let your every breath be useful to everybody; to let it spread fragrance around you. Each and every one of you is Divine, and God is ever present in every one of us.

„Aus dem Wissensarchiv von Gurudev Sri Sri Ravi Shankar — ‚A proven trick to deal with a disturbed mind' (2016-09-28)"

Zusammen ergibt das eine Richtung, keine fertige Antwort: weg von Klagen, Streit und Zurschaustellung, hin zu einer Sehnsucht, nützlich zu sein – getragen von der Erinnerung, dass du mehr bist als das, was andere über dich denken.

Was du konkret tun kannst

  1. Nimm dir fünf Minuten – oder fünf Sekunden. Schaff dir kurz gedanklich Freiraum und frag dich direkt: „Was bin ich? Wer bin ich? Was will ich?" Diese kurze Unterbrechung reicht oft schon, um aus dem automatischen Denken auszusteigen.
  2. Schau, wovon du dich lösen kannst. Klagen, Streit, Zurschaustellung, Sorgen – frag dich bei jedem dieser Muster, ob du wirklich hier bist, um darin zu verweilen, oder ob da noch etwas anderes wartet.
  3. Frag nach deinem Nutzen für andere. Lass deinen Alltag – auch kleine Gesten – zu etwas werden, das anderen dient, statt nur um dich selbst zu kreisen.
  4. Löse dich vom Blick der anderen. Beobachte, wie oft du dich über fremde Meinungen definierst, und übe dich darin, deine Beziehung zu dir selbst direkt zu erkunden.

Häufige Fragen

Was ist das Selbst im spirituellen Sinn? Gurudev besteht darauf, dass innerer Frieden kein Zustand ist, den du erst erreichen musst – er ist deine eigentliche Natur und lässt sich dir nicht nehmen. Das Ziel der Praxis sieht er nicht darin, stressfrei zu werden, sondern zu erkennen, dass du unter der Oberfläche der Unruhe bereits stressfrei bist – erkennbar, sobald du falsche Selbstbilder loslässt und dich entspannst.

Wie erreiche ich Selbstverwirklichung? Gurudev schlägt vor, bei Frust oder Unzufriedenheit nicht im Gefühl zu verharren, sondern zu fragen: „Wer ist frustriert?" oder „Wer ist unglücklich?" – das bringt dich zurück zur eigenen Mitte. Für belastende Erinnerungen rät er, ihre Vergänglichkeit zu erkennen: Die Vergangenheit existiert in der Gegenwart nicht mehr – sie lässt sich annehmen und loslassen.

Wie finde ich meinen Sinn im Leben? Gurudev definiert Seva, Dienst, nicht als äußere Handlung, sondern als inneren Zustand – die Haltung, jedem sagen zu können: „Du brauchst mich, ich bin da", offen für die ganze Menschheit. Diese Haltung, sagt er, macht einen Menschen furchtlos. An anderer Stelle beschreibt er den Sinn des Daseins als das Erkennen der eigenen inneren Schönheit und das Leben nach den eigenen Werten.

Wie lerne ich, mich von äußeren Umständen weniger aus der Ruhe bringen zu lassen? Gurudev vergleicht ein Gemüt, das an Lob, Tadel oder kleinen Kränkungen hängen bleibt, mit Kaugummikauen: Der Kiefer ist beschäftigt, doch es gibt keine Nahrung – am Ende bist du nur müde, ohne etwas gewonnen zu haben. Er zeigt, wie leicht wir uns allein durch die Worte anderer aus der Fassung bringen lassen, obwohl nichts als Worte geschehen ist.

Verwandte Fragen

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „Prana, Faith and Doubt" (AG 26), 00:30:05–00:30:41
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „Vivek" (Wissensblatt 44, 10. April 1996, Jakarta, Indonesia)
  • Wissensarchiv von Gurudev Sri Sri Ravi Shankar — „A proven trick to deal with a disturbed mind" (2016-09-28)