Vergebung & Loslassen: wie du frei wirst von dem, was dich noch festhält

Eine geöffnete Hand lässt getrocknete Blütenblätter in den Wind fallen
Kurzantwort: Vergebung und Loslassen bedeuten für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar, nicht länger festzuhalten, was ohnehin vorüberziehen will – ein Gefühl, ein Groll, eine alte Verletzung. Es ist kein Kraftakt, sondern ein Öffnen: der Faust, des Griffs, der täglichen Gedanken. Wer loslässt, befreit sich selbst – unabhängig davon, ob der andere sich je entschuldigt.

Loslassen ist kein Kraftakt, sondern ein Öffnen

Die meisten Menschen erleben Loslassen als Anstrengung: sich zwingen, nicht mehr zu denken, nicht mehr zu fühlen, endlich „drüber wegzukommen". Gurudev dreht diesen Gedanken um. Für ihn liegt das eigentliche Problem genau in dieser Anstrengung. Was du festhältst – ein Gefühl, ein altes Bild, ein unerfüllter Wunsch – will sich meistens von selbst weiterbewegen. Du bist es, der die Tür zuhält, nicht das Gefühl, das gehen will. Statt also mit Willenskraft gegen etwas anzukämpfen, geht es darum, die Hand zu öffnen, die sich unbewusst verkrampft hat.

Alles, wonach du dich sehnst, alles, woran du festhältst, kommt ohnehin zu dir – von selbst, automatisch. Doch du musst loslassen. Du ballst deine Faust fest zusammen. Warum öffnest du nicht einfach die Hände – und siehst: der ganze Himmel ist in deiner Hand. Du schließt deine Faust – nicht einmal Luft kann da eindringen. Geschweige denn Diamanten. Ein Prozess des Öffnens der Faust.

Englisches Original

All that you are craving for, all that you are hanging on to, they come to you, anyway to you, automatic. But you have to let go. You are holding your fist tight. Why not open your hands and you see the whole sky is in your hand. You are closing your fist, even air cannot enter there. Let alone the diamonds. A process of opening the fist.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚You Are Free Right Now', 00:29:39"

Das Bild ist einfach, aber es trifft den Kern: Solange die Faust geschlossen bleibt, kommt nichts hinein – auch nicht das, wonach du dich eigentlich sehnst. Loslassen heißt für Gurudev nicht Verzicht, sondern Raum schaffen.

Groll und Hass binden dich an das, was du loslassen willst

Ein Groll fühlt sich oft wie Schutz an – als würdest du dich damit vor der Person wappnen, die dich verletzt hat. Gurudev sieht darin eher das Gegenteil: Wer an Hass festhält, bindet sich selbst an genau das, wovon er sich eigentlich lösen will. Die Erfahrung wiederholt sich innerlich immer wieder, jeden Tag – nicht weil der andere Mensch etwas dazu tut, sondern weil das Gefühl in dir festgehalten wird.

Also: Was immer du hasst, wirst du selbst werden. Hasse lieber gar nichts – lass jetzt alle deine Hassgefühle los. Du steckst fest in deinen Hassgefühlen. Dies ist ein Ort, an dem du lieben und freuen kannst – löse alle Spuren von Hass auf. Sei niemandem gegenüber wütend – wirf all deine Wut hinaus, wirf den Hass hinaus.

Englisches Original

So whatever you hate, you will become that. Better don't hate anything, drop all your hates now. You are stuck with your hates. This is a place to be in love and joy — drop all your hate traces. Don't be angry at anybody for anything, throw all your anger out, throw the hatred out.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Live in Amazement', 00:24:17"

Dabei geht es Gurudev nicht darum, was der andere getan hat oder ob es in Ordnung war – das bleibt unangetastet und ist allein Sache der Person, die gehandelt hat. Es geht darum, was mit dir selbst geschieht, wenn du das Gefühl weiter trägst, statt es abzulegen.

Die Vergangenheit ist wie Staub – sie darf jeden Tag vergehen

Ein Zimmer, das nie geputzt wird, sammelt Staub an, Schicht für Schicht, bis er sich überall festsetzt. Gurudev nutzt genau dieses Bild für die Vergangenheit: Was gestern geschah, darf heute vergehen – muss aber aktiv gehen dürfen, statt sich anzuhäufen. Wer jeden Tag neuen Kummer, neue Kränkung zum alten Staub hinzufügt, trägt irgendwann eine Last mit sich herum, die kaum noch zu bewegen ist.

Wir stauben dieses nicht ab. Der Staub von jedem Tag muss vergehen – der Staub von jedem Tag muss vergehen. Nichts vom Vorvortag darf haften bleiben – Staub, Staub, du – frei, rein. Das ist mukti.

Englisches Original

We don't dust this. Every day's dust must die—every day's dust must die. Nothing from the day before yesterday should stick—dust, dust, you—free, clean. That is freedom.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Honouring the Secret', 00:12:44"

Dieses tägliche Reinemachen im Kopf beschreibt Gurudev nicht als Nebensache, sondern als eigentliche Freiheit: Nichts vom Vortag soll haften bleiben, damit heute wieder klar beginnen kann.

Vergeben heißt nicht: dir selbst die Schuld geben

Vergebung wird meist nur nach außen gedacht – auf andere Menschen bezogen. Ebenso wichtig ist für Gurudev der Blick nach innen: wie du mit deinen eigenen Fehlern umgehst. Ein Fehler zieht schnell zwei Reaktionen nach sich – Schuldgefühle, wenn du ihn dir selbst zuschreibst, oder Ärger, wenn du ihn jemand anderem zuschiebst. Gurudev schlägt einen dritten Weg vor: einen Fehler einfach als Fehler sehen, ohne ihn sofort mit einem der beiden Gefühle aufzuladen.

Sieh einen Fehler als Fehler – nicht als „meinen" oder „seinen". „Mein" heißt Schuld; „sein" heißt Ärger. Ein Fehler ist einfach ein Fehler – es ist in Ordnung. Weder Schuld noch Ärger. Verstehst du das?

Englisches Original

See a mistake as mistake—not "mine" or "his." "Mine" means guilt; "his" means anger. A mistake is just a mistake—it's okay. Neither guilt nor anger. Do you get this?

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚The Secret of Mistakes', 00:21:37"

Das nimmt einem Fehler nichts von seiner Bedeutung – er darf gesehen und, wo möglich, korrigiert werden. Es nimmt ihm nur die zusätzliche Last, die entsteht, wenn du ihn obendrein mit Schuld oder Wut auflädst.

Was du konkret tun kannst

  1. Öffne die Faust, statt gegen das Gefühl zu kämpfen. Wenn ein Gefühl hochkommt, versuch nicht, es sofort wegzudrücken. Beobachte stattdessen, wie es von selbst kommt – und lass zu, dass es genauso von selbst wieder geht.
  2. Frag dich, wem der Groll eigentlich nützt. Bevor du an einem Ärger festhältst, halt kurz inne und schau, was er in dir bewirkt, jetzt, in diesem Moment. Oft zeigt sich: Es ist vor allem dein eigener Tag, der darunter leidet.
  3. Räum jeden Abend innerlich auf. So wie ein Zimmer regelmäßig Staub braucht, um sauber zu bleiben, kannst du dir am Ende eines Tages kurz Zeit nehmen, um zu spüren, was noch an dir hängt – und es bewusst gehen zu lassen, statt es mit in den nächsten Tag zu nehmen.
  4. Trenn den Fehler von der Schuldfrage. Wenn dir selbst etwas misslungen ist, versuch, erst den Fehler an sich zu sehen – was ist passiert – bevor du automatisch in Selbstvorwürfe gehst. Was sich korrigieren lässt, korrigiere. Der Rest darf einfach vorbeiziehen.
  5. Gib dir Zeit statt eines Zeitpunkts. Loslassen ist selten ein einzelner Moment, eher ein Vorgang, der sich wiederholt. Es ist normal, ein Gefühl mehrfach loszulassen, bevor es wirklich zieht.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „You Are Free Right Now" (AG 05), 00:29:39–00:30:19
  • Ashtavakra Gita — „Live in Amazement" (AG 22), 00:24:17–00:24:56
  • Ashtavakra Gita — „Honouring the Secret" (AG 17), 00:12:44–00:13:02
  • Ashtavakra Gita — „The Secret of Mistakes" (AG 24), 00:21:37–00:21:57