Was bedeutet es, eins mit allem zu sein?

Eine blühende Wiese geht nahtlos in den weichen Horizont über.
Kurzantwort: Eins mit allem zu sein bedeutet für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar nicht, dass du etwas Neues erschaffst, sondern dass du erkennst, was ohnehin schon da ist: ein einziges Bewusstsein, aus dem alles hervorgeht. Die Trennung zwischen dir und der Welt ist die eigentliche Illusion – und genau diese Erkenntnis ist das, wonach du im Grunde die ganze Zeit suchst.

Was Gurudev dazu sagt

Kennst du das: Du stehst irgendwo draußen, ganz für dich, und für einen Moment verschwimmt die Grenze zwischen dir und allem, was dich umgibt – der Wind, die Bäume, der Himmel wirken plötzlich wie aus einem Stück. Genau diesen Moment meint Gurudev Sri Sri Ravi Shankar, wenn er von Einheit spricht. Für ihn ist das kein seltener Ausnahmezustand, sondern das, was unter der Oberfläche ohnehin schon da ist.

Am eindrücklichsten macht er das an einem einfachen Bild fest: einem Hund, der so lange an einem trockenen Knochen kaut, bis sein eigenes Zahnfleisch blutet – und den Geschmack des eigenen Blutes für den Saft des Knochens hält.

Je mehr er kaut, desto mehr blutet er – doch merkt es nicht. Der Hund merkt nicht, dass sein eigenes Maul blutet – nicht der Knochen. Der Saft dieser Welt bist du. Du bist die Essenz dieser Welt. Du bist der Saft – das Bewusstsein ist der Saft dieses Universums.

Englisches Original

The more it chews, the more it bleeds—yet the dog does not realize. The dog does not realize its own mouth is bleeding—not the bone. The juice in this world is you. You are the essence of this world. You are the juice, the consciousness is the juice of this universe.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Honouring the Secret', 00:41:21"

Genauso, sagt Gurudev, suchen wir Freude draußen in der Welt – im Erfolg, im Besitz, in der Anerkennung – und merken nicht, dass das, was wir eigentlich schmecken, längst aus uns selbst kommt. Nicht der Knochen ist saftig. Du bist es.

Wo taucht dieses Gefühl von Einheit dann konkret auf? Gurudev beschreibt Meditation als einen Weg, der Schritt für Schritt genau dorthin führt – von Entspannung über Energie und Kreativität bis zu etwas, das sich kaum noch in Worte fassen lässt.

Am Anfang bringt Meditation Entspannung. Im zweiten Schritt gibt dir die Meditation Energie. Im dritten Schritt bringt die Meditation Kreativität hervor. Im vierten Schritt erzeugt die Meditation Begeisterung und Freude. Der fünfte Schritt der Meditation ist unbeschreiblich. Du fühlst Einheit mit dem gesamten Universum.

Englisches Original

In the beginning, meditation brings relaxation. In the second step, meditation gives you energy. In the third step, meditation brings forth creativity. In the fourth step, meditation creates enthusiasm and joy. The fifth step of meditation is indescribable. You feel oneness with the whole universe.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 361 ‚The Five Steps in Meditation' (2. Juli 2002, Washington D.C., United States)"

Diese letzte Stufe beschreibt Gurudev als das eigentliche Ziel, nicht als Zugabe: ein Gefühl, das über einzelne Momente von Ruhe oder Freude hinausgeht und die ganze Welt mit einschließt.

An anderer Stelle fasst er dasselbe in wenigen kurzen Zeilen zusammen – und stellt Freude, Liebe und Ruhe nicht als drei verschiedene Dinge dar, sondern als drei Namen für ein und dieselbe Erfahrung von Einheit.

Wahre Freude ist es, über deine Identität hinauszugehen. Reife Liebe ist es, die Einheit jenseits der Emotionen zu fühlen. Wahre Ruhe ist es, in deinem Sein zu verweilen. Entspann dich und sei einfach!

Englisches Original

True joy is going beyond your identity, Mature love is feeling the Oneness beyond emotions. Real Rest is reposing in your Being, Relax and just be!

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 30 ‚Just Be' (5. Januar 1996, Weggis, Switzerland)"

Darin liegt der rote Faden durch alle drei Bilder: Eins mit allem zu sein ist für Gurudev kein Zustand, den du dir erst erarbeiten musst. Es ist das, was zum Vorschein kommt, sobald du aufhörst, die Quelle von Freude, Liebe und Ruhe draußen zu suchen – denn all das ist für ihn im Kern eine einzige Erfahrung von Einheit, kein Sammelsurium einzelner guter Momente.

Was du konkret tun kannst

  1. Frag dich, wonach du wirklich suchst, wenn du nach draußen greifst. Ob Erfolg, Anerkennung oder ein bestimmtes Erlebnis – prüf, ob nicht eigentlich du selbst die Quelle der Freude bist, die du dem Ding oder dem Moment zuschreibst.
  2. Setz dich regelmäßig zur Meditation hin, ohne ein bestimmtes Gefühl zu erzwingen. Gurudev beschreibt Meditation als etwas, das sich Schritt für Schritt entfaltet – von Entspannung bis zu einem Gefühl von Einheit. Das lässt sich nicht herbeizwingen, nur einladen.
  3. Lass Freude, Liebe und Ruhe zusammenfließen, statt sie zu trennen. Statt einzelnen guten Gefühlen einzeln hinterherzulaufen, richte den Blick auf das, was ihnen allen gemeinsam zugrunde liegt.
  4. Achte auf die kleinen Momente, in denen die Trennung zwischen dir und der Welt für einen Augenblick durchlässig wird. Ein Blick in die Natur, ein Moment mit Musik, eine Stille zwischen zwei Gedanken – solche Momente sind ein Hinweis auf das, was Gurudev als deine eigentliche Natur beschreibt.

Häufige Fragen

Was ist das Selbst im spirituellen Sinn? Gurudev beschreibt das Selbst nicht als etwas, das du erst erreichen musst, sondern als das, was ohnehin schon da ist – tiefer innerer Frieden, der dir nie wirklich genommen werden kann. Das Ziel der Praxis ist für ihn deshalb nicht, stressfrei zu werden, sondern zu erkennen, dass du es unter der Oberfläche längst bist. Dafür lässt du einfach los, was du über dich selbst zu wissen glaubst, und entspannst dich.

Wie höre ich auf, mein Glück von äußeren Umständen abhängig zu machen? Gurudev macht klar: Freude wohnt nie wirklich im äußeren Ding oder Erlebnis – nicht in Musik, nicht in Gesellschaft, nicht im Genuss. Sie entsteht in dir, und du verwechselst nur die Quelle mit dem, was du gerade getan hast, als sie aufkam. Deshalb bringt es auch wenig, immer wieder Partner, Lehrer oder Umgebung zu wechseln, wenn du innerlich unzufrieden bist – der gleiche Geisteszustand reist einfach mit.

Warum macht mich Geld nicht glücklicher? Gurudev zeigt, wie wir mit und ohne Besitz gleichermaßen feststecken können: Wer ein großes Auto hat, klagt über die Last, es zu unterhalten – wer keins hat, klagt, dass ihm eines fehlt. Zufriedenheit kommt eben nicht aus dem Ding selbst. Der Geist begehrt etwas, verliert aber das Interesse, sobald er es bekommen hat, weil er nicht in der Gegenwart ruhen kann – bekommt er es nicht, folgt Frustration. Beides ist dieselbe unruhige Sehnsucht.

Wie lasse ich los, was mich belastet? Gefühle und Gedanken kommen für Gurudev von selbst und ziehen auch von selbst wieder weiter – erst unsere Weigerung, sie ziehen zu lassen, macht daraus eine Fessel. Wie eine Fliege, die aus dem Zimmer will, während wir die Tür festhalten, binden wir selbst das, was eigentlich in Bewegung sein will. Alles, wonach du dich sehnst, kommt für ihn ganz natürlich zu dir, sobald du die fest geschlossene Faust öffnest.

Verwandte Fragen

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „Honouring the Secret" (AG 17), 00:41:21–00:42:55
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „The Five Steps in Meditation" (Wissensblatt 361, 2. Juli 2002, Washington D.C., United States)
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „Just Be" (Wissensblatt 30, 5. Januar 1996, Weggis, Switzerland)