Antworten kommen aus einem ruhigen Geist

09.02.2013

Bangalore, India

F.: Gurudev, bitte sprich über die Kunst, Fragen zu stellen, denn manchmal bin ich nicht zufrieden mit der Antwort, die ich bekomme, oder es ist so, dass die Antwort mich verwirrt.
Sri Sri Ravi Shankar:
Meditation!
Wenn der Geist unruhig ist, kann er die Antwort nicht erfassen, was auch immer sie beinhaltet. Ist dein Geist jedoch still, so reicht ein Zeichen, um dir die Antwort verständlich zu machen, denn du bist die Quelle aller Antworten. Bist du ruhig, dann tauchen die Antworten aus deinem Inneren auf. Deshalb sind ein paar Momente der Entspannung entscheidend.
Was immer du einer ruhelosen Person erzählst, sie wird „aber” sagen und immer wieder das Thema wechseln.
Das ist das Zeichen für einen Geist, der so voll von Konzepten und Vorstellungen ist, dass kein Platz für neue Weisheiten oder Wissen bleibt.
Zwischen einem Meister und einem Schüler geschah genau das.
Der Schüler kam zum Meister und stellte – ähnlich wie wir es hier tun – ein paar Fragen. Er stellte eine Frage nach der anderen, ohne jemals mit der Antwort zufrieden zu sein, die der Meister ihm gab.
Also schlug ihm der Meister vor, gemeinsam Tee zu trinken. „Magst du Tee?”, fragte er den Schüler. Der Schüler bejahte.
Der Meister füllte Tee in die Tasse des Schülers. Er machte auch dann weiter, als diese schon voll war. Der Tee floss über und schwappte auf den Tisch und auf den Boden.
Der Schüler fragte: „Meister, warum tust du das? Die Tasse ist voll. Der Tee spritzt überall auf den Teppich.”
Der Meister lächelte und antwortete: „So ist es bei dir. Deine Tasse ist so voll, dass sie nichts mehr aufnehmen kann. Trotzdem willst du noch mehr. Leere erst deine Tasse und trink das, was du hast.”
Die alten Rishis in den Veden sagten: „Shravana”, was bedeutet: „Höre zuerst zu!” Danach kommt „Manana”, was bedeutet: „Betrachte die Sache zuerst eingehend und denke darüber nach.”
Du hörst dir die Antwort an und denkst darüber nach. Dann erst übernimmst du sie. Stelle fest, ob sie deiner eigenen Erfahrung entspricht. Glaube nichts, nur weil jemand es sagt.
Das ist etwas Grundlegendes, woran wir denken müssen.
Ich habe meine Erfahrung, und du hast deine Erfahrung. Übernimm nichts, nur weil ich es sage.
Verwirf gleichzeitig aber auch nichts, was jemand sagt. Du solltest ein guter Zuhörer sein.
Höre zuerst zu und befasse dich dann damit. Dann kann es zu deiner eigenen Erfahrung, zu Weisheit werden.
Wissen verändert sich und wird zu Weisheit.
Nachdem Krishna über alle siebenhundert Verse der Bhagavad Gita gesprochen hatte, sagte er: „Sieh, Arjuna, ich habe alles gesagt. Wenn es dir angemessen erscheint, kannst du es annehmen.”
Wir müssen einander Gedankenfreiheit, Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit und Religionsfreiheit gewähren. Man kann niemandem etwas aufzwingen. Der Glaube muss sich aus dem Inneren, aus dem eigenen Selbst entwickeln.

F.: Gurudev, heutzutage hält jedermann Hassreden und bewirkt dadurch Aufruhr im Geist der Menschen, um dann dafür verhaftet zu werden. Kein Politiker hält jemals Vorträge über die Liebe. Was kann man da tun?
Sri Sri Ravi Shankar:
Zuerst einmal solltest du das Wort jedermann zurücknehmen.
Nicht jedermann tut so etwas. Es gibt immer wieder einzelne Menschen, die es tun. Sie tun es, weil sie das Interesse der Medien nur dadurch anziehen können. Hassreden werden von den Medien aufgegriffen. Da der Redner die Aufmerksamkeit der Medien anstrebt, hält er solche Vorträge. Wird er dann verhaftet, so bekommt er in einer bestimmten Gemeinschaft den Status eines Helden. Was soll man tun?
Jemand strebt negative Schlagzeilen an, weil er nicht die Möglichkeit hat, positive Schlagzeilen zu bewirken. Der einfachste Weg, um negative Schlagzeilen zu erreichen, besteht also darin, irgendetwas über irgendjemanden verlauten zu lassen, oder irgendwo eine Hassrede zu halten.
Überraschenderweise gibt es viele Menschen, die dafür Beifall klatschen, weil es für sie eine Art Nervenkitzel darstellt.
Die Menschen interessieren sich nicht für Süßholzgeraspel oder irgendwelche hübschen Liebesgeschichten. Sie möchten lieber etwas über Fausthiebe hören.
Wir haben es hier mit Massenpsychologie zu tun. Die breite Masse ist eher daran interessiert, etwas Destruktives in der Welt zu vollbringen. Sie vollbringt in der Regel nichts Konstruktives, sondern bringt eher Zerstörung.
In manchen Situationen kann Zerstörung jedoch entscheidend sein.
Ein Beispiel dafür ist die Befreiungsbewegung, die es sich zum Ziel gemacht hatte, das Kolonialsystem zu beenden. Die Massen unterstützten diese Bewegung auf friedliche Weise, weil der Anführer ein spiritueller Mann war: Mahatma Gandhi. Er führte Satsangs durch, genauso, wie wir es hier tun. Jeden Tag wurde gesungen, meditiert und über die Angelegenheiten des Landes und der Welt in der damaligen Zeit gesprochen.
Es war also eine Bewegung, die das aktuelle Regime ohne Blutvergießen und ohne Gewalt auflösen wollte.
Das war einzigartig in der Geschichte, weil die Massen sich zusammenfanden, ohne etwas zu zerstören und ohne jemandem Kummer und Leid zu bereiten.
Überall in der Welt geschehen solche gewalttätigen Dinge. Bei den Protesten im Nahen Osten bringen die Menschen sich gegenseitig um, um es gibt so viel Leid.
Ich träume von einem ganz anderen Aspekt. Ich möchte, dass die Menschen kreative Ideen und Pläne entwickeln.
Der Samen für eine derartige Revolution wurde am 3. Februar in Delhi gelegt, als dreimal so viele Menschen an der Versammlung dort teilnahmen, als es bei der Antikorruptionsbewegung der Fall gewesen war.
Eine Rekordmenge fand sich zusammen, um sich für etwas Konstruktives einzusetzen.
Die Regierung war etwas besorgt und stellte sehr viele Polizeibeamten auf. Da jedermann beim Eintritt überprüft wurde, mussten die Menschen lange warten, um ein- oder auszutreten.
Alle waren jedoch überrascht, dass es keine Schuldzuweisungen und keine Hassparolen gab.
All diese Menschen hatten sich zusammengefunden, um etwas sehr Konstruktives zu bewirken.
Unsere Jugend hat diese Energie, wir müssen sie nur in die richtigen Bahnen lenken.

F.: Gurudev, es gibt ein altes Sprichwort, das besagt, dass die Fähigkeiten in dir zum Vorschein kommen, wenn du einem wahren Meister begegnest. Ist das wahr? Hier im Ashram habe ich sogar den Elefanten Mundharmonika spielen sehen!
Sri Sri Ravi Shankar:
Ja, es scheint sich hier so abzuspielen. Viele Menschen, die nichts mit Musik zu tun hatten, haben zu singen begonnen. Andere schreiben Gedichte. Ich kann überall eine Menge Kreativität wahrnehmen.
Es sieht danach aus, als würden diese Menschen dafür sorgen, dass sich das alte Sprichwort bewahrheitet!
Schau, wenn dein Geist still und ruhig wird, wenn du meditierst und von innen heraus glücklich bist, ist Kreativität ein Nebeneffekt.
Das ist ganz natürlich, und überrascht solltest du dann sein, wenn es nicht geschieht.

F.: Gurudev, heutzutage ist der Alkohol die größte Herausforderung, wenn es darum geht, sich in Richtung Spiritualität und einer sicheren Gesellschaft weiterzubewegen. Dennoch wurde das während der zwei Tage der Corporate Culture & Spirituality Konferenz von niemandem thematisiert. Bitte sprich darüber.
Sri Sri Ravi Shankar:
Wir erzählen den Leuten, dass wir hier eine bessere Art von Rauschmittel haben: Meditation, Singen und Dienen. Dieses Rauschmittel führt dich zu einem höheren Niveau. Die Menschen kennen diese „Whiskymarke” nur noch nicht, das ist alles.
Es bringt Freude, Menschen zu dienen und überall ein Lächeln zu sehen. Viele Menschen kennen diese Art von Rauschzustand jedoch nicht. Auch Meditation bringt Freude, tiefen Frieden und ein Gefühl von großem Wohlbefinden, das die Menschen nicht kennen. Wir müssen dies den Menschen bewusst machen. Dann werden sie alle Alkoholflaschen einfach wegwerfen.

F.: Gurudev, die Tatsache, dass ich auf dem spirituellen Pfad bin, bewirkt manchmal, dass ich an meinem Arbeitsplatz leistungsunfähig werde. Wie kann ich die beiden Bereiche in ein Gleichgewicht bringen?
Sri Sri Ravi Shankar:
In diesem Fall musst du den spirituellen Pfad aufgeben, um am Arbeitsplatz leistungsfähig zu sein. Warum willst du etwas tun, was dich leistungsunfähig macht? Der spirituelle Pfad sollte dich eigentlich leistungsfähiger machen. Tut er das nicht und lässt dich sogar leistungsschwach werden, so solltest du dich davon distanzieren. Verabschiede dich von ihm, fokussiere dich auf deine Arbeit und beobachte, ob du es schaffst. Du solltest deine Ruhe und deine Meditation nicht mit dem Anhängeschild der Unwirksamkeit versehen. So wie ich es sehe, ist das nicht möglich, aber du solltest das Experiment machen und es versuchen.

F.: Gurudev, ist Lust schädlich? Sollte wir ihr nur nachgeben, weil sich eine Sache verstärkt, wenn wir Widerstand dagegen leisten?
Sri Sri Ravi Shankar:
Alles in Maßen! Extreme sollten vermieden werden. Lust taucht auf, weil du nicht viel zu tun hast. Wenn du beschäftigt bist, überflutet sie deinen Geist nicht so stark. Du solltest deine Energie auf kreativere Art und Weise nutzen. Du wirst bemerken, dass du dann zentrierter bist.

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