Was ist Karma im Buddhismus?

Eine Eichel liegt im Moos am Fuß einer alten Eiche.
Kurzantwort: Karma bedeutet im Buddhismus, wie Gurudev Sri Sri Ravi Shankar es beschreibt, dass Leid nicht deine eigentliche Natur ist. Es entsteht durch Samskaras – Eindrücke aus früheren Handlungen. Diese Eindrücke lassen sich wieder auflösen, etwa durch Pratyahara, das Zurückziehen der Sinne nach innen, oder durch Meditation.

Was Gurudev dazu sagt

Kennst du das: Jemand fragt dich, wie es dir geht, und du antwortest automatisch „gut", auch wenn es das gerade gar nicht ist? Genau bei dieser Verleugnung setzt Gurudev an, wenn er über Buddhas Lehre und Karma spricht.

Sri Sri Ravi Shankar: Buddha hat nie über Gott gesprochen. Er hat sich nie wirklich auf eine Diskussion über Gott eingelassen. Was er sagte, war: Das Erste ist, zu erkennen, dass es Leid gibt. Die Menschen leugnen immer wieder, dass es Leid gibt, viele erkennen es nicht einmal. Oft, wenn du mit einem kranken Menschen sprichst, wird er sagen: „Mir geht es völlig gut, ich bin gesund." Je egoistischer ein Mensch ist, desto größer ist die Verleugnung. Oft sind Menschen im Inneren sehr unglücklich, aber sie tragen nach außen eine Maske der Fröhlichkeit oder wirken sogar selbstsicher und dominant. Sie tun immer so, als wäre alles in Ordnung, und doch kannst du das Leid aus ihren Gesichtern tropfen sehen. Jeder Teil ihres Körpers spiegelt Ärger, Bitterkeit, Hass und Leid wider. Das ist es, was Buddha gesagt hat: dass es Leid gibt. Erkenne es, und dann gibt es Mittel dagegen. Wenn jemand sagt, unglücklich zu sein sei seine Natur, dann kann niemand etwas dagegen tun, nicht einmal Gott selbst. Leid ist also nicht unsere Natur, es entsteht durch Samskaras (Eindrücke aus vergangenen Leben) oder Karma. Und das kann durch andere Samskaras aufgelöst werden. Ein Mittel dagegen ist Pratyahara (eines der acht Glieder des Yoga, das bedeutet, die Sinne zu beherrschen und nach innen zu lenken). Ein weiteres Mittel ist Meditation. Durch Meditation, Pranayama und Satsang können wir uns also vom Leid befreien. Erst dann erkennen wir, dass unsere Natur Glück, Glückseligkeit ist. So wie Licht die Dunkelheit vertreibt, entfernt unsere Atma-Shakti (die kraftvolle Seele als Bewusstsein in uns) das Leid. Auf dem Pfad der Sadhana fallen alle Negativität und Verzerrungen wie Angst, Ärger und so weiter ab. Das Ziel der Sadhana ist es, in jene unbeschreibliche Glückseligkeit einzutauchen, die Teil unserer wahren Natur ist. Buddha sagte dasselbe, was auch in den Upanishaden gesagt wird. Es gibt einen Vers: Na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amrta tvamanasuh | Parena nakam nihitam guhayam vibhrajate yadyatayo visanti || (– Sanyasa Sukta, Maha Narayano Upanishad, 4.12). Er bedeutet: Weder durch Taten (Karma), noch durch edle Nachkommen (im Vers als „Praja" bezeichnet), noch durch Reichtum (Dhana) kann man den Höchsten erreichen. Nur durch Opferbereitschaft und Entsagung (Tyaga) kann man Unsterblichkeit (Amrita) erlangen. Das hat auch Buddha gesagt. Wenn du die Upanishaden aufmerksam liest und dann liest, was Buddha gesagt hat, wirst du feststellen, dass es dasselbe ist. Es gibt überhaupt keinen Unterschied. Deshalb wird Shri Adi Shankaracharya oft Prachanna Baudha genannt (ein verborgener oder unausgesprochener Buddha, das heißt ein Erleuchteter), weil das, was er sagte, dem, was im Buddhismus gelehrt wird, so ähnlich zu sein schien. Es gibt also keinen Unterschied zwischen dem Sanatana Dharma (ein anderer Name für den Hinduismus) und dem Buddhismus. Die Prinzipien sind nahezu gleich. Ich würde nicht sagen, dass sie exakt gleich sind, aber sie sind sich wirklich sehr nahe. Der Buddhismus vertritt den Shoonyavaad (die Erkenntnis, dass „alles nichts ist"; Shunya bedeutet im Sanskrit Null oder nichts), während das Vedanta den Poornavaad vertritt (die zentrale Überzeugung, dass „alles eins und vollständig ist"). Im Buddhismus ist der erste wichtige Schritt die Erkenntnis des Leids, während im Vedanta gesagt wird, dass es kein Leid gibt. Dort heißt es: „Wach auf und sieh! Du bist voller Freude (das Selbst als Glückseligkeit)." Im Buddhismus verschwindet also das Leid, und dann zeigt sich die Freude, und im Vedanta erkennt man die Freude (des Selbst), und das Leid verschwindet von selbst. Von unten nach oben und von oben nach unten – das sind zwei verschiedene Herangehensweisen. Aber das Ziel ist dasselbe. Auch im Vedanta wird nicht gesagt, dass man unbedingt Götzenbilder verehren muss. Es heißt, die Verehrung des Atma-Deva (das Selbst als die göttliche Gottheit, die im Tempel des physischen Körpers wohnt) sei die höchste Form der Verehrung. Aber am Anfang braucht man eine Umgebung, eine Atmosphäre, um diese Stufe der Verehrung zu erreichen. Deshalb gibt es die Puja. Am Ende siehst du alles als Erweiterung deiner selbst, alles erscheint als Ausdruck dieses einen Selbst. Wenn man erkennt, dass es keinen Unterschied zwischen der Welt und dem Selbst (Brahman) gibt – das überall gegenwärtig ist, in den Bäumen, in den Götterbildern, in der Erde, im Wasser, im blauen Himmel –, dann kann man alles und überall verehren (das heißt: eine Stufe erreichen, auf der man alles als Ausdruck des einen göttlichen Selbst sieht). Sogar in der Rudra-Puja gibt es die Regel „Na Rudram Rudram Archayeti", was bedeutet, dass du den Herrn nicht verehren kannst, bevor du nicht selbst zu Shiva geworden bist (deine eigene wahre göttliche Natur erkannt hast). Du solltest also zuerst Gott werden und ihn dann verehren. Das bedeutet, fest im Selbst verankert zu sein. Deshalb heißt es, Gott zu verehren, nachdem man Gott geworden ist, verankert im eigenen Selbst. Puja ist nur ein Spiel, es ist eine Leela (ein Spiel), eine Art, dieses tiefe Gefühl der Verehrung auszudrücken.

Englisches Original

Sri Sri Ravi Shankar: Lord Buddha never talked about God. He never really entertained any discussion on God. What He said was – the first thing is to realize that there is misery. People keep denying there is misery, many don't even recognize it. Many a time if you talk to a sick person, he will say "I'm perfectly healthy and fine". The more egoistic the person, the greater is the denial. Many times people are very miserable from within, but they wear a mask of cheerfulness or even act confident and dominating on the outside. They will keep pretending as if everything is fine, yet you can see the misery drip from their faces. Every part of their body reflects anger, bitterness, hatred and misery. This is what Lord Buddha has said – that there is misery. Recognize it, and then there are remedies for it. If someone says being miserable is my nature, then nobody can do anything about it, not even God Himself. So misery is not our nature, it comes because of samskaras (past life impressions) or karma. And this can be removed by other samskaras. One remedy for this is Pratyahara (one of the eight limbs of Yoga which means to exercise control or restraint over the senses and withdraw them inwards). Another remedy to this is meditation. So through meditation, pranayama, and Satsang we can be liberated from the miseries. It is then that we come to realize that our nature is happiness, bliss. Just as light dispels darkness, our Atma-shakti (the powerful soul as consciousness within) removes misery. On the path of Sadhana, all negativity and distortions such as fear, anger etc. fall away. The goal of Sadhana is get immersed in that indescribable bliss which is part of our very nature. Lord Buddha said the same things that are said in the Upanishads. There is a verse: Na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amrta tvamanasuh | Parena nakam nihitam guhayam vibhrajate yadyatayo visanti || (- Sanyasa Sukta, Maha Narayano Upanishad, 4.12) It means: Neither through one's actions (Karma), nor by begetting noble progeny (referred to by 'Praja' in the verse above), nor through wealth (Dhana) can one attain the Supreme Lord. Only through sacrifice and renunciation (Tyaga) can one attain immortality (Amruta). This is what Lord Buddha has said as well. If you read the Upanishads carefully and then read that Lord Buddha has said, you will find they are the same. There is no difference at all. That is why Shri Adi Shankaracharya is often called Prachanna Baudha (a hidden or unproclaimed Buddha, meaning an enlightened one), because whatever he said seemed to be so similar to what is mentioned in Buddhism. So there is no difference between the Sanatana Dharma (another name for Hinduism) and Buddhism. The principles are nearly the same. I won't say that they are exactly the same, but they are very close indeed. Buddhism advocates Shoonyavaad (the realization that "everything is nothing"; Shunya meaning Zero or nothing in Sanskrit), while Vedanta advocates Poornavaad (the central belief that "Everything is One and whole"). In Buddhism the first important step is the realization of misery, while in Vedanta they say that there is no misery. They say – 'Wake up and see! You are full of joy (the Self as bliss)'. So in Buddhism when misery disappears, joy is seen and in Vedanta when joy (of the Self) is realized, misery disappears automatically. So going from bottom to top and top to bottom, these are two different approaches. But the goal is the same. Even in Vedanta, it is not said that one should necessarily worship idols. It is said that worshipping the Atma-deva (referring to the Self as the Divine deity housed within the temple of the physical body) is the highest form of worship. But to begin with, one needs an environment, an atmosphere for reaching that stage of worship. This is why there is Puja. Ultimately at one point you see everything as the expansion of yourself, everything appears as a manifestation of that one Self. When one realizes that there is no difference between the world and the Self (Brahman) - which is present everywhere, in the trees, in the idols, in the earth, in water, in the blue sky; then one can worship anything and anywhere (meaning: to reach a stage where one sees everything as the manifestation of the one divine Self). Even in the Rudra Puja, there is a rule that 'Na Rudram Rudram Archayeti'' which means until you become Lord Shiva yourself (realize your own true divine nature), you cannot worship the Lord. So you should first become God and then worship Him. It means to be firmly established in the Self. So it is said to worship God after becoming God, being established in your Self. Puja is just a play, it is a leela (a game), a way of expressing this deep feeling of worship.

„Von der offiziellen Website artofliving.org — ‚Our True Nature Is Bliss', Aug 27 2013"

Gurudevs Kernaussage darin lässt sich für die Frage nach Karma im Buddhismus so zusammenfassen: Leid ist für ihn keine feste Eigenschaft des Menschen, sondern entsteht durch Samskaras oder Karma – vergangene Eindrücke. Und weil sie entstanden sind, lassen sie sich auch wieder auflösen, etwa durch Pratyahara oder durch Meditation.

Was du konkret tun kannst

  1. Erkenne Leid, statt es zu verdrängen. Gurudev beschreibt, wie Menschen ihr eigenes Unglücklichsein oft leugnen oder hinter einer Maske aus Fröhlichkeit verstecken. Der erste Schritt ist für ihn, ehrlich hinzuschauen, statt so zu tun, als wäre alles in Ordnung.
  2. Sieh Leid als Eindruck, nicht als feste Eigenschaft. Nach Gurudevs Beschreibung entsteht Leid aus Samskaras oder Karma – aus vergangenen Eindrücken. Das bedeutet: Es ist nicht „einfach deine Natur", sondern etwas, das entstanden ist und sich auch wieder verändern kann.
  3. Probiere Pratyahara aus – das Zurückziehen der Sinne. Gurudev nennt dies als ein Mittel, um dich von Leid zu lösen: die Sinne bewusst nach innen zu richten, statt sie ständig nach außen zu lenken.
  4. Mach Meditation, Pranayama und Satsang zu einem Weg. Durch diese drei Praktiken, sagt Gurudev, können wir uns Schritt für Schritt vom Leid befreien – nicht auf einen Schlag, sondern als fortlaufende Übung.

Häufige Fragen

Was ist Karma einfach erklärt? Gurudev erklärt Karma am Beispiel von Verletzung: Was dir jetzt widerfährt, ist gewissermaßen die Antwort der Natur auf etwas, das du selbst in der Vergangenheit verursacht hast. Dieses Verständnis bringt für ihn eher ein Gefühl von Gelassenheit als das Gefühl, Opfer zu sein. Ganz grundsätzlich, sagt er, bedeutet Karma einfach Handlung – vergangene, gegenwärtige und zukünftige Handlungen hinterlassen und greifen auf Eindrücke zurück, die das Jetzt mitgestalten.

Was ist Karma? Gurudev führt die Frage nach Sorgen auf ihren Kern zurück: Es gibt im Grunde nichts, worüber du dich wirklich sorgen musst, denn angenehme wie unangenehme Ereignisse entstehen nach deinem eigenen Karma und ziehen so oder so durch dich hindurch. Grundsätzlich, sagt er, bedeutet Karma einfach Handlung – vergangene, gegenwärtige und zukünftige Handlungen hinterlassen jeweils Eindrücke.

Warum passieren manchen Menschen scheinbar unverdiente schlechte Dinge? Gurudev sagt: Angenehme wie unangenehme Ereignisse entstehen nach deinem eigenen Karma und ziehen so oder so durch dich hindurch – es gibt im Grunde nichts, worüber du dich wirklich sorgen musst. Am Beispiel von Verletzung erklärt er zudem: Was dir jetzt widerfährt, ist die Antwort der Natur auf etwas, das du selbst in der Vergangenheit verursacht hast – das bringt eher Gelassenheit als das Gefühl, Opfer zu sein.

Was bedeutet Karma? Ganz grundsätzlich, sagt Gurudev, bedeutet Karma einfach Handlung: Vergangene, gegenwärtige und zukünftige Handlungen hinterlassen und greifen jeweils auf Eindrücke zurück, die das Jetzt mitgestalten. Karma ist für ihn der Eindruck, den vergangene Handlungen hinterlassen und der ähnliche Situationen in die Zukunft zieht, während gegenwärtige Handlungen wieder neue Eindrücke im Geist erzeugen.

Verwandte Fragen

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • artofliving.org (offizielle Website) — „Our True Nature Is Bliss" (Aug 27 2013)