Warum kann ich nachts nicht abschalten?

Ein einzelnes warm erleuchtetes Fenster in der Dämmerung vor stillen Hügeln.
Kurzantwort: Für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar bleibt der Geist nachts oft deshalb aktiv, weil du ihn ein Leben lang nur fürs Handeln trainiert hast – er will weitermachen, auch wenn der Körper zur Ruhe will. Häufig hält dich zusätzlich eine gedankliche To-do-Liste wach. Umarme kreisende Gedanken, statt gegen sie anzukämpfen, sagt Gurudev.

Was Gurudev dazu sagt

Kennst du das: Du liegst im Bett, der Körper ist müde, aber der Kopf macht einfach weiter. Gurudev Sri Sri Ravi Shankar erklärt, woher dieses Muster oft kommt – und es hat mit einem ganzen Leben zu tun, nicht nur mit der einen Nacht.

Doch du hast dich nur im Handeln trainiert — Handeln, Handeln — Im ganzen Leben: 70, 80 Jahre lang war das Leben ein Leben des Handelns. Und jetzt, am Ende, bleibt der Geist aktiv — er will so vieles tun, doch der Körper kooperiert nicht. Der Geist ist unruhig danach, zu handeln, aber der Körper hat keine Kraft mehr zum Handeln. Das macht sie sehr, sehr elend. Elend — sie können nicht einmal für kurze Zeit still sein. Du kannst nicht einmal ruhig Musik hören. Jetzt können sie nicht einmal schlafen. All diese Schlaflosigkeit entsteht genau daraus —

Englisches Original

But you’ve trained only in action — action, action — throughout life: for 70, 80 years, life has been a life of action. And now, at the end, the mind remains active — it wants to do so many things, but the body is not cooperative. There’s restlessness in the mind to act, but the body has no strength to act. So that makes them very, very miserable. Miserable — they can’t even be quiet for a little while. They can’t even listen to music calmly. Now they can’t even sleep. All this insomnia arises precisely from this —

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Acting Spontaneously', 00:40:18"

Ganz konkret im Alltag zeigt sich das oft schon kurz vor dem Einschlafen – an genau der Stelle, wo der Kopf einfach nicht loslassen will.

Sri Sri Ravi Shankar: Wenn du gerade schlafen gehen willst und immer wieder denkst „Ich muss dies tun, ich muss das tun", wirst du dann einen erholsamen Schlaf finden können? Was tust du, wenn du schläfst? Du legst alles beiseite. Nur dann kannst du schlafen.

Englisches Original

Sri Sri Ravi Shankar: When you are about to go to sleep, and if you keep thinking “I have to do this, I have to do that”, then will you be able to get restful sleep? What do you do when you sleep? You keep everything aside. Only then will you are able to get sleep.

„Von der offiziellen Website artofliving.org — ‚The Power Of Self Reflection' (Aug 26 2016)"

Und wenn es dann doch Gedanken sind, die dich festhalten, rät Gurudev zu etwas, das erstmal ungewohnt klingt: nicht kämpfen, sondern umarmen.

Sri Sri Ravi Shankar: Umarme sie einfach. Je mehr du versuchst, sie wegzustoßen, desto mehr kommen sie. Wenn zwanghafte Gedanken kommen, gib ihnen eine große Umarmung und bleib ein oder zwei Minuten bei ihnen, und du wirst sehen, sie verschwinden einfach. Ein anderer Weg ist, einen Stock in ein brennendes Feuer zu stecken und zuzusehen, wie er verbrennt. So verbrennt auch dein Gedanke. Noch ein Weg ist, einen fließenden Fluss zu beobachten und wie das Wasser fließt. Während die Strömung vorbeifließt, fließen auch deine Gedanken.

Englisches Original

Sri Sri Ravi Shankar: Just embrace them. The more you try to push them away, the more they come. If obsessive thoughts come, give them a big hug and stay with them for a minute or two and you will see, they just disappear. Another way is to put a stick in the burning fire and watch it burn. That is how your thought is burning away. One more way is to watch a flowing river and how the water flows. As the current flows by, your thoughts also flow.

„Von der offiziellen Website artofliving.org — ‚Where Love Is, God Is!' (Jul 17 2014)"

Der gemeinsame Nenner bei Gurudev: Gegen einen aktiven Geist anzukämpfen macht ihn meist nur aktiver. Ablegen, was noch zu tun ist, und Gedanken kurz begrüßen statt wegzudrücken, öffnet eher den Weg zur Ruhe.

Was du konkret tun kannst

  1. Leg die gedankliche To-do-Liste bewusst beiseite. Solange du im Kopf „das muss ich noch tun" wiederholst, bleibt der Geist im Handlungsmodus – schreib es notfalls auf und lass es dann los.
  2. Umarme kreisende Gedanken, statt sie wegzudrücken. Gib einem hartnäckigen Gedanken für ein, zwei Minuten deine volle Aufmerksamkeit, statt ihn zu bekämpfen.
  3. Beobachte den Gedanken wie vorbeifließendes Wasser. Stell dir vor, wie ein Fluss vorbeizieht – deine Gedanken dürfen genauso weiterziehen, ohne dass du sie festhältst.
  4. Erinnere dich: Der Geist darf auch mal nichts tun. Nach einem Leben, das stark vom Handeln geprägt ist, braucht er eine bewusste Erlaubnis, ebenfalls zur Ruhe zu kommen.

Hält die Schlaflosigkeit über längere Zeit an, ist es sinnvoll, das zusätzlich ärztlich abklären zu lassen.

Häufige Fragen

Wie schlafe ich schneller ein? Gurudev empfiehlt, kurz vor dem Schlafengehen etwas Pranayama zu praktizieren, um leichter einzuschlafen. Gleichzeitig macht er klar: Schlaf ist wie Liebe und Meditation etwas, das sich nicht erzwingen lässt – gerade die Anstrengung, unbedingt einschlafen zu wollen, wird oft selbst zum Hindernis.

Kann echte Ruhe mehr sein als nur Schlaf? Gurudev erklärt, dass jeder der fünf Sinne nur eine begrenzte Freude liefern kann – wird er ständig weiter gefüttert, ermüdet das auf Dauer eher. Echte, tiefe Ruhe entsteht für ihn, wenn du zu deiner eigenen inneren Quelle zurückkehrst, nicht nur, wenn der Körper schläft.

Was unterscheidet Ausruhen von wirklicher Erholung? Gurudev unterscheidet: Der Gedanke „ich brauche Ruhe" oder das Kreisen um die eigene Erschöpfung erzeugt eher Unruhe, Müdigkeit und Selbstmitleid – das ist bloßes Ausruhen. Wirkliche Erholung entsteht für ihn dagegen aus innerer Wunschlosigkeit und Gelassenheit, unabhängig davon, wie viel Druck von außen gerade herrscht.

Was ist der Unterschied zwischen körperlicher und geistiger Erschöpfung? Gurudev zeigt am Beispiel von Menschen, die ihr ganzes Leben nur aufs Handeln trainiert waren: Der Geist bleibt aktiv und unruhig, selbst wenn der Körper längst keine Kraft mehr hat mitzumachen – genau daraus entsteht laut Gurudev Schlaflosigkeit. Müdigkeit kommt für ihn dabei nicht nur von körperlicher Anstrengung, sondern ebenso von einem überaktiven Geist und viel Reden, was selbst bei ausreichend Schlaf erschöpft zurücklassen kann.

Verwandte Fragen

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „Acting Spontaneously" (AG 25), 00:40:18–00:41:05
  • artofliving.org (offizielle Website) — „The Power Of Self Reflection" (Aug 26 2016)
  • artofliving.org (offizielle Website) — „Where Love Is, God Is!" (Jul 17 2014)