Meditation und Atemtechniken: was Übung wirklich bedeutet

Hohes Schilf am ruhigen Seeufer bewegt sich sanft im Wind
Kurzantwort: Meditation und Atemtechniken sind für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar kein Kampf um Kontrolle über den Geist, sondern ein Loslassen. Gedanken, die abschweifen, oder Geräusche, die stören, gehören für ihn ganz selbstverständlich dazu. Meditation beschreibt er als Eintauchen in die eigene Natur, das sich Schritt für Schritt entfaltet, von innerer Ruhe bis zu einem Gefühl von Einheit.

Wenn Gedanken beim Meditieren abschweifen

Kaum setzt du dich hin, wandert der Geist los – zu der Aufgabe von vorhin, zu einer Sorge, zu irgendetwas anderem. Gurudev erzählt dazu eine Geschichte über einen Bauern, dem ein Mantra unter einer einzigen Bedingung gegeben wurde: nicht an einen roten Ballon zu denken.

Nach drei Tagen war er so sehr durch rote Ballons gestört, dass er am vierten Tag zu dem Heiligen zurücklief, flehte: „Bitte nimm deinen Mantra weg – und auch deinen roten Ballon! Ich will keins von beiden!“ „Befreie mich einfach von dieser ganzen roten-Ballon-Geschichte – ich bin verrückt geworden, ich kann nicht mehr funktionieren!“

Englisches Original

In three days, he was so disturbed by red balloons that on the fourth day he ran back to the saint, pleading, “Please take away your mantra—and your red balloon too! I don’t want either!” “Just free me from this red balloon business—I’ve gone crazy, I can’t function!”

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚The Nature of the Mind', 00:06:40"

Die Geschichte zeigt etwas Wichtiges: Wer einen Gedanken mit aller Kraft wegdrängen will, gibt ihm oft erst recht Macht. Für Gurudev liegt der Ausweg nicht im Kampf gegen abschweifende Gedanken, sondern in einem gelasseneren Umgang mit ihnen.

Wenn eine Störung dich aus der Ruhe bringt

Ein Geräusch, ein Missgeschick – und die Konzentration ist dahin. Gurudev beschreibt, wie schnell eine kleine Störung während der Meditation zum großen Ärgernis werden kann, obwohl das Ereignis selbst längst vorbei ist.

Du meditierst gerade — da fällt jemand ein Teller herunter, oder ein Hund fängt an zu bellen. Schon das genügt, um dich die nächsten zwei Tage zu verärgern. „Ach, ich kann nicht meditieren — jemand hat den Teller fallen lassen! Der sollte ihn doch nicht fallen lassen.“ „Der Hund sollte gar nicht erst dorthin kommen!“ Er ist gekommen und wieder gegangen. Doch du hast dich an dieses Ereignis geklammert — und bist sofort aufgewühlt, verärgert.

Englisches Original

You are meditating, and somebody drops a plate — or a dog starts barking. This is sufficient to keep you agitated for the next two days. “Oh, I can’t meditate — somebody dropped the plate! They should not drop the plate.” “The dog should not come there!” It has come and gone. But you have caught hold of that event and started getting worked up — agitated.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Live in Amazement', 00:35:46"

Was hier eigentlich stört, ist für Gurudev nicht die Störung selbst, sondern das Festhalten daran im Nachhinein. Das Ereignis kommt und geht – aufgewühlt bleibst du nur, wenn du gedanklich daran hängen bleibst.

Was Meditation eigentlich ist

Viele erleben Meditation zunächst als etwas Anstrengendes oder sogar Langweiliges. Gurudev stellt dieser Vorstellung ein anderes Bild gegenüber: Meditation als Eintauchen in die eigene, liebende Natur.

Und Meditation ist Eintauchen in deine eigene Natur, die bedingungslose Liebe ist. Wie könnte Meditation langweilig sein? Ist Liebe langweilig? Wenn Liebe langweilig ist, dann musst du „Langeweile“ neu definieren. Du musst Langeweile selbst neu definieren. Langeweile ist Mangel an Saft – und Liebe ist der Saft des Lebens. Doch Langeweile und Liebe haben eines gemeinsam: Wiederholung. Wenn du jemanden liebst, wiederholst du dessen Namen – immer wieder, sagst „Ich liebe dich, ich liebe dich“, immer und immer wieder.

Englisches Original

And meditation is immersion in your own nature, which is unconditional Love. How can meditation be boring? Is love boring? If love is boring, then you must redefine “boredom.” You must redefine boredom itself. Boredom is lack of juice—and love is the juice of life. Yet boredom and love share one thing: repetition. When you love someone, you repeat their name— again and again, saying, “I love you, I love you,” over and over.

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚Love Cannot Be Expressed', 00:29:29"

Für Gurudev teilen sich Langeweile und Liebe eine Eigenschaft: die Wiederholung. Während Wiederholung bei Langeweile leer wirkt, trägt sie in der Liebe – und genauso, sagt er, kann sich auch eine wiederkehrende Praxis mit der Zeit ganz anders anfühlen, als sie zu Beginn erscheint.

Der Weg der Meditation: von Ruhe bis zu einem Gefühl von Einheit

Meditation verändert sich für Gurudev, je nachdem, wie tief du gehst. Er beschreibt sie als etwas, das sich in mehreren Schritten entfaltet – nicht als einmaliges Ereignis, sondern als ein Weg mit unterschiedlichen Qualitäten.

Am Anfang bringt Meditation Entspannung. Im zweiten Schritt gibt dir die Meditation Energie. Im dritten Schritt bringt die Meditation Kreativität hervor. Im vierten Schritt erzeugt die Meditation Begeisterung und Freude. Der fünfte Schritt der Meditation ist unbeschreiblich. Du fühlst Einheit mit dem gesamten Universum.

Englisches Original

In the beginning, meditation brings relaxation. In the second step, meditation gives you energy. In the third step, meditation brings forth creativity. In the fourth step, meditation creates enthusiasm and joy. The fifth step of meditation is indescribable. You feel oneness with the whole universe.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 361 ‚The Five Steps in Meditation' (2. Juli 2002, Washington D.C., United States)"

Diese Beschreibung macht deutlich: Meditation ist für Gurudev kein Zustand, den man entweder hat oder nicht hat, sondern eine Erfahrung, die sich vertieft. Wohin sie dich im Einzelnen führt, unterscheidet sich von Moment zu Moment.

Was du konkret tun kannst

  1. Lass abschweifende Gedanken einfach da sein. Wenn dein Geist während der Meditation wandert, kämpf nicht dagegen an. Beobachte den Gedanken kurz und kehr sanft zu deiner Übung zurück, statt dich über das Abschweifen zu ärgern.
  2. Nimm eine Störung wahr – und lass sie ziehen. Wenn dich ein Geräusch oder ein Missgeschick aus der Ruhe bringt, halt dir bewusst vor Augen: Das Ereignis selbst ist schon vorbei. Was bleibt, ist nur das Festhalten daran.
  3. Sieh deine Praxis als Eintauchen, nicht als Pflicht. Statt Meditation als Aufgabe zu betrachten, die erledigt werden muss, nähere dich ihr wie etwas, in das du dich hineinfallen lässt, ohne Erwartung an ein bestimmtes Ergebnis.
  4. Erwarte nicht bei jedem Sitzen dasselbe. Meditation entfaltet sich für Gurudev in unterschiedlichen Qualitäten. Manchmal spürst du vor allem Ruhe, manchmal mehr Klarheit oder Freude – beides gehört gleichermaßen dazu.
  5. Kehr immer wieder zur Übung zurück, statt sie zu bewerten. Vermeide es, jede einzelne Sitzung danach zu beurteilen, wie „gut" sie war. Wiederkehrende Praxis trägt für Gurudev mehr als der einzelne, perfekte Moment.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „The Nature of the Mind" (AG 12), 00:06:40–00:06:59
  • Ashtavakra Gita — „Live in Amazement" (AG 22), 00:35:46–00:36:09
  • Narada Bhakti Sutras — „Love Cannot Be Expressed" (BS 10), 00:29:29–00:30:29
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „The Five Steps in Meditation" (Wissensblatt 361, 2. Juli 2002, Washington D.C., United States)