Resilienz: woher innere Stärke wirklich kommt

Ein vom Wind geneigter alter Baum steht fest verwurzelt nach dem Sturm
Kurzantwort: Resilienz ist für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar keine Fähigkeit, die manche Menschen haben und andere nicht, sondern deine eigentliche innere Natur: eine Ruhe, die schon unter jedem Sturm da ist. Sie zeigt sich nicht darin, ungerührt zu bleiben, sondern darin, dass du nach schwierigen Zeiten wieder zu dir selbst zurückfindest – oft tiefer und kraftvoller als vorher.

Resilienz ist keine Ausnahmefähigkeit

Resilienz klingt oft nach einer Fähigkeit, die manche besitzen und andere sich erst mühsam aneignen müssten – wie ein Muskel, den es aufzubauen gilt. Gurudev setzt an einer anderen Stelle an: Für ihn ist die Ruhe, um die es hier geht, nicht etwas, das erst entstehen muss. Sie ist bereits da, unter allem, was gerade schwer ist.

Frieden ist deine eigentliche Natur. Frieden ist deine angeborene Natur. Er kann niemals von dir weichen. Deshalb gibt es so viel, um mit dir selbst in Frieden zu sein. Du bist Frieden.

Englisches Original

Peace is your very nature. Peace is your innate nature. It cannot go away from you. That's why there is so much to be at peace with oneself. You are peace.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚You Are Free Right Now', 00:36:05"

Das heißt nicht, dass schwere Zeiten leicht wären oder dass du sie einfach wegdenken sollst. Es heißt: Was dich durch sie hindurchträgt, musst du dir nicht erst aneignen – es ist bereits Teil von dir.

Jeder Sturm hinterlässt mehr, als er nimmt

Wie zeigt sich diese innere Stärke, wenn wirklich etwas passiert – ein Verlust, ein Rückschlag, eine Krise? Gurudev beschreibt schwierige Lebensphasen mit dem Bild eines Sturms: etwas, das über dich hereinbricht und dich durchrüttelt – und das am Ende oft mehr in dir zurücklässt, als es genommen hat.

Jeder Sturm, der in dein Leben kam, hat deinen Horizont geweitet, dich tiefer und kraftvoller gemacht. Jeder Sturm hat eine Kleinheit in dir zerstört — etwas in dir, das sehr klein war.

Englisches Original

Every storm that has come into your life has widened your horizon, made you deeper, and more powerful. Every storm has destroyed some smallness in you — something in you that had been very small.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Storms of Emotions', 00:17:08"

Das heißt nicht, dass ein Sturm leichter wird, während er tobt. Aber im Rückblick zeigt sich oft: Genau die Zeiten, die am meisten gefordert haben, haben auch am meisten in dir geweitet.

Was dich wirklich aus der Ruhe bringt

Nicht jede Erschütterung kommt als großer Sturm. Viel öfter sind es kleine Dinge, die dich aus der Fassung bringen: ein beiläufiger Kommentar, eine Kritik, ein Blick. Gurudev vergleicht einen Geist, der sich an solchen Kleinigkeiten festbeißt, mit jemandem, der auf Kaugummi kaut.

In einem winzigen Geist, wenn der Geist mit winzigen Dingen hier und dort beschäftigt ist, mit winzigen Objekten, winzigen Ereignissen und Vorfällen, winzigen Worten von Menschen, mit winzigen Anerkennungen oder Vorwürfen, Beleidigungen – dann zersplittert der Geist, kaut daran herum wie auf Kaugummi: Man kaut Kaugummi – doch er gibt keinerlei Nahrung. Nur die Kiefer ermüden, der Mund wird müde – und vom Kauen bleibt nichts übrig.

Englisches Original

In a small little mind, when mind is clocked with small little things here and there, small little objects, small little events and instances, small little words from people, small appreciations are blames or insults, your mind is cut up, goes on chewing it like chewing gum, eating chewing gum, it doesn't give any nutrition. Only the gums, your mouth gets tired, you get nothing by chewing gum.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Fountain of Joy', 00:07:39"

Innere Stärke zeigt sich für Gurudev also nicht nur in den großen Krisen, sondern genauso darin, wie viel Gewicht du kleinen Worten und Blicken gibst – und wie leicht du sie wieder loslassen kannst.

Der Unterschied zwischen Kämpfen und Annehmen

Ein Missverständnis über Resilienz ist, sie mit Verdrängung zu verwechseln: Gefühle wegdrücken, weiterfunktionieren, nichts an sich heranlassen. Gurudev erzählt dazu von König Janaka, der lange gegen seine eigene innere Unruhe ankämpfte – bis ihm etwas auffiel.

Janaka sagt plötzlich: „Oh, das überrascht mich so sehr! Ich habe die Unruhe die ganze Zeit widerstanden.“ Ich habe die Unruhe die ganze Zeit widerstanden. Jetzt sehe ich: Sie ist da — gut, dann sei sie eben da; sie gehört zur Natur. Auch dieser Sturm gehört zur Natur — hör auf, dem Sturm zu widerstehen. Nimm ihn in seiner Gesamtheit wahr, geh tief hinein — und du siehst: Er ist nichts.

Englisches Original

Janaka suddenly says, “Oh, it’s so surprising to me! I was all the time resisting the restlessness.” I was all the time resisting the restlessness. Now I see that it is there — okay, let it be there; it is part of nature. This storm is also part of nature — stop resisting the storm. Take it in its totality, go deep into it — you see, it is nothing.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Storms of Emotions', 00:12:31"

Der Unterschied liegt nicht darin, ob eine schwierige Empfindung da ist, sondern wie du dich zu ihr verhältst: Kämpfst du dagegen, oder lässt du sie da sein, als das, was sie ist – vorübergehend, ein Teil des Lebens, kein Urteil über dich.

Was du konkret tun kannst

  1. Erinnere dich daran, dass die Ruhe nicht neu entstehen muss. Wenn du dich gerade erschöpft oder überfordert fühlst, heißt das nicht, dass dir etwas fehlt. Es heißt nur, dass gerade viel auf dich einwirkt – die Ruhe darunter bleibt, auch wenn du sie im Moment nicht spürst.
  2. Frag dich nach einem Sturm, was er dir gezeigt hat. Wenn eine schwierige Phase vorbei ist, schau zurück: Was hat sich durch sie verändert, geweitet, geklärt? Diese Frage macht die schwere Zeit nicht ungeschehen, aber sie gibt ihr einen Platz.
  3. Nimm kleine Kränkungen nicht schwerer, als sie sind. Ein beiläufiges Wort, eine Kritik, eine Enttäuschung – nicht alles davon braucht deine ganze Aufmerksamkeit. Manches darf einfach vorbeiziehen.
  4. Kämpfe nicht gegen das, was gerade da ist. Statt eine unruhige Stimmung wegzudrücken, lass sie da sein, ohne sie sofort zu bewerten. Oft verliert sie an Kraft, sobald du aufhörst, gegen sie anzugehen.
  5. Vergleich deinen Weg nicht mit dem anderer. Wie schnell oder langsam du durch eine schwierige Zeit gehst, sagt nichts darüber aus, wie stark du bist. Gib dir die Zeit, die du gerade brauchst.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „You Are Free Right Now" (AG 05), 00:36:05–00:37:55
  • Ashtavakra Gita — „Storms of Emotions" (AG 10), 00:17:08–00:17:31
  • Ashtavakra Gita — „Fountain of Joy" (AG 06), 00:07:39–00:08:24
  • Ashtavakra Gita — „Storms of Emotions" (AG 10), 00:12:31–00:13:03