Einsamkeit: was wirklich dahintersteckt und was hilft

Ein warm erleuchtetes Fenster über einer Wiese in der Dämmerung
Kurzantwort: Einsamkeit ist für Gurudev Sri Sri Ravi Shankar nicht dasselbe wie Alleinsein. Du kannst dich mitten unter Menschen einsam fühlen oder allein zufrieden sein. Der eigentliche Grund liegt oft im Verhältnis zu dir selbst: Wer die eigene Gesellschaft nicht genießt, sucht ruhelos nach anderen. Gute Gesellschaft und ein tragfähiges Verhältnis zu dir selbst helfen gleichermaßen.

Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein

Sehnst du dich nach Menschen – oder danach, endlich allein zu sein? Gurudev beschreibt, wie beide Bewegungen in dir kommen und gehen. Keine von beiden hält lange an, auch wenn es sich in dem Moment so anfühlt.

Siehst du, diese Neigungen entstehen in dir und vergehen in dir. Ein anderes Mal willst du nicht bei Menschen sein — und doch kannst du auch nicht allein sein. Okay — wenn ich dir sage: „Sei ganz für dich allein, sprich niemals mit jemandem, kommuniziere mit niemandem — sei einfach still“, dann kannst du das auch nicht. Nicht einmal das.

Englisches Original

You see, these tendencies arise in you and fall in you. You don't want to be with people another time; you can't be alone. Okay — if I tell you, be all by yourself, don’t ever talk or communicate with anybody — just be in silence — you can’t be that either.

„Aus einem Vortrag über die Ashtavakra Gita — ‚Ego Dissolves in Love', 00:45:18"

Das bedeutet: Weder völlige Zurückgezogenheit noch ständige Gesellschaft ist die Lösung. Beide Sehnsüchte sind vorübergehende Zustände, keine endgültigen Wahrheiten über dich.

Warum du dich selbst manchmal am wenigsten erträgst

Manche suchen einen Partner oder Freunde vor allem, um der eigenen Langeweile zu entkommen. Gurudev warnt: Das funktioniert so nicht.

zwei Bettler können sich nicht treffen und einander reich machen. Doch wenn einer zur Quelle wird, trinken beide frei. Wie langweilig musst du erst für andere sein! Die Leute sagen: „Oh, ich langweile mich so sehr mit mir selbst— deshalb suche ich jemanden.“ Die andere Person ist auch so gelangweilt von sich selbst, dass sie nach jemandem anderem sucht, und schon bald tauschen sie nur Langeweile aus. Sie langweilen sich gegenseitig.

Englisches Original

two beggars cannot get together and make each other rich. If you are bored with your own company, how boring you must be for someone else! People say, “Oh, I get so bored being myself— so I look for somebody.” The other person is also so bored with themselves, they look for somebody else, and in a little while they exchange boredom only. They bore each other.

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚The Six Distortions of Love', 00:20:02"

Wer die eigene Gesellschaft nicht genießt, wird sie auch bei anderen Menschen nicht plötzlich finden. Die Beziehung zu dir selbst trägt die Beziehung zu anderen mit.

Wahre Verbundenheit ist mehr als körperliche Nähe

Ist es wirklich die Anzahl der Menschen um dich herum, die über Einsamkeit entscheidet? Gurudev stellt diese Annahme infrage.

In einer Menschenmenge zu sein, während du allein bist, ist Unwissenheit. Erleuchtung bedeutet, in einer Menschenmenge allein zu sein; ein Gefühl der Einheit inmitten einer Menge – das ist ein Zeichen von Weisheit.

Englisches Original

Being in a crowd when you are alone is ignorance. Enlightenment is being alone in a crowd; a feeling of oneness in a crowd – this is a sign of wisdom.

„Aus dem Buch ‚An Intimate Note to the Sincere Seeker' — Wissensblatt 92 ‚Celebrate Life' (13. März 1997, New Delhi, India)"

Für Gurudev zeigt sich echte Verbundenheit nicht daran, wie voll ein Raum ist, sondern daran, ob du dich innerlich zugehörig fühlst – auch mitten in einer Menge.

Woran du gute Gesellschaft erkennst

Trotzdem spielt es eine Rolle, mit wem du deine Zeit verbringst. Gurudev gibt dafür eine einfache Prüffrage an die Hand.

Eine gute Gesellschaft ist definiert als diejenige, bei der du zu jemandem gehst und dich hinsetzt, dein Problem erzählst und danach gehst – ohne das Gefühl, überhaupt ein Problem zu haben. Du fühlst dich leichter. Bei schlechter Gesellschaft hingegen hast du ein Problem, gehst zu jemandem, setzt dich hin und redest, und am Ende erscheint es dir viel größer, als du dachtest. Du gehst mit schwerem Herzen von ihnen weg, noch depressiver, noch ängstlicher.

Englisches Original

Definition of a good company is when you go and sit with someone and say your problem and you walk away feeling there is no problem at all. You feel lighter. The bad company is you have a problem you go and sit and talk to someone, and you will feel it is much more than what you thought it is. You walk away from them with a heavy heart, more depressed, more anxious.

„Aus einem Vortrag über die Narada Bhakti Sutras — ‚Crossing The Ocean Of Misery', 00:02:09"

Fühlst du dich nach einer Begegnung leichter oder schwerer? Diese einfache Beobachtung zeigt dir oft mehr über eine Beziehung als jedes Gespräch darüber.

Was du konkret tun kannst

  1. Unterscheide, wonach du dich gerade sehnst. Ist es wirklich Gesellschaft, die dir fehlt – oder eher Ruhe? Beide Bedürfnisse kommen und gehen, keins von beiden ist ein Dauerzustand.
  2. Übe, deine eigene Gesellschaft zu genießen. Zeit mit dir selbst, ohne ständige Ablenkung, ist eine Grundlage dafür, dass auch Zeit mit anderen dich wirklich nährt.
  3. Prüf, wie du dich nach Begegnungen fühlst. Gehst du leichter oder schwerer aus einem Gespräch? Diese Frage hilft dir, gute von belastender Gesellschaft zu unterscheiden.
  4. Sieh Einsamkeit nicht nur als Frage der Anzahl von Menschen. Auch mitten unter vielen Menschen kannst du dich einsam fühlen – und allein trotzdem verbunden.
  5. Such bewusst Gesellschaft, die dich aufrichtet. Menschen, mit denen du gemeinsame Interessen, Werte oder Anliegen teilst, sind oft ein natürlicherer Ausgangspunkt für neue Verbindungen als der Zufall allein.

Fragen zu diesem Thema

Quellen

Die Zitate auf dieser Seite stammen aus:

  • Ashtavakra Gita — „Ego Dissolves in Love" (AG 09), 00:45:18–00:45:34
  • Narada Bhakti Sutras — „The Six Distortions of Love" (BS 14), 00:20:02–00:21:33
  • An Intimate Note to the Sincere Seeker — „Celebrate Life" (Wissensblatt 92, 13. März 1997, New Delhi, India)
  • Narada Bhakti Sutras — „Crossing The Ocean Of Misery" (BS 09), 00:02:09–00:02:41